A toupeira e os cravos – Crise e Revolucão em Portugal – O rizoma … 1974 – 2014 …

Der Maulwurf und die Nelken – Krise & Revolution in Portugal – Das Rhizom … 1974 – 2014 …

Mit freundlicher Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung

Hinweis: Reader, übersetzte Texte, Filme, Audioaufnahmen der Veranstaltungen und andere Materialien zur Reihe befinden sich in der Unterseite Archiv + Materialien. Sie sind im Moment noch nicht vollständig und werden nach und nach ergänzt.

Ankündigungstext für die ganze Reihe:

Die Veranstaltungsreihe „Der Maulwurf & die Nelken“ / „Topeira e Cravos“ hat zum Gegenstand die revolutionäre communistische Tendenz in der bürgerlichen Gesellschaft, die in den Ereignissen um die „Nelkenrevolution“ in Portugal vor allem in den Jahren 1974 und 1975 als wirkender Faktor in Erscheinung trat. Dieser Teil der Geschichte, als eine von Klassenkämpfen, ist heute weitgehend vergessen oder überhaupt unbekannt, und an seiner Stelle steht das spektakuläre Bild der Aktionen von Militärs und Politikern. Dabei war der Putsch vom 25.4.1974 gegen das faschistische Regime der Anlass zu einer regelrechten Explosion der Klassenkämpfe, die sich schon durch die vielen Streiks und Demonstrationen der Arbeiter_innen Ende 1973 angekündigt hatte, zu einem Zeitpunkt, an dem sich die portugiesische Gesellschaft in einer tiefen Krise befand. Der proletarische Maulwurf wühlte eben schon, bevor die Nelken zu blühen begannen, die dann zum Symbol des friedlichen Umsturzes des faschistischen Salazar/Caetano-Regimes geworden sind. Diese Periode des Klassenkampfes, die in Portugal als „Processo Revolucionário Em Curso” (anhaltender revolutionärer Prozess; abgekürzt: PREC) bezeichnet wird, begann mit einer großen Welle von Streiks und Demonstrationen. Sofort strömten die Menschenmassen spontan auf die Straße, feierten das Ende des alten Regimes und nahmen den Kampf gegen die faschistischen Überreste in der Gesellschaft (zunächst die Geheimpolizei sowie Faschisten in der Leitung verschiedener Unternehmen) selbsttätig auf. Am 1.Mai 1974 war der Aufbruch von Millionen Menschen auf den Straßen der deutlichste Ausdruck des allgemeinen Willens zur Emanzipation von den alten Mächten. Am Vorabend, dem 30. April („Walpurgisnacht“!) hat sich die organisierte Frauenbewegung in Portugal gegründet – die MLM. Wie schwer sie es hatte, machte aber auch zugleich die fatale Rückständigkeit des proletarischen „Maulwurfs“, seine Blindheit deutlich ! Immerhin: überall gab es nun Streiks und Fabrikbesetzungen, und die Arbeiter_innen organisierten sich selbst, unabhängig von den gewerkschaftlichen Apparaten, um ihre Interessen durchzusetzen und teilweise sogar die Produktion in die eigenen Hände zu nehmen. Auch wurden schliesslich viele Ländereien besetzt, und die Landarbeiter_innen schlossen sich zu Kooperativbetrieben zusammen, begannen sich so aus der Armut und Ohnmacht zu befreien. Nachdem im März 1975 noch einmal ein rechter Putschversuch von Arbeiter_innen und Soldaten abgewehrt werden konnte, wurden zunehmend Fragen der Selbstbewaffnung und der Bildung revolutionärer Räte aufgeworfen. Dieser Macht-Klärungsprozess spitzte sich bis Ende 1975 immer weiter zu und konnte erst durch eine große polizeiliche Aktion der unter dem Schutz der „sozialistischen“ Militärdiktatur neuentstehenden bürgerlichen Demokratie unterbunden werden.

Im offiziellen Gedächtnis ist wenig Wahres von dieser abgebrochenen Revolution übrig geblieben. Die Rolle des Proletariats als Maulwurf und Unterminierer der alten feudalen, kolonialen und ebenso der modernen bürgerlichen Gesellschaft und seine Wühlarbeit als revolutionäre Subversion in den Klassenkämpfen wird kaum begriffen, ist aber darum noch lange nicht aus der Welt geschafft. Das Rhizom bleibt! Denn der gesellschaftliche Gegensatz von gesellschaftlicher Arbeit und privatem Klasseneigentum, der immer wieder zur Krise und zum Klassenkampf treibt, wie die Ereignisse der letzten 6 Jahre auf der ganzen Welt mal wieder gezeigt haben, besteht weiterhin und zwingt uns bei Strafe des Untergangs, ihn auf eine neue Weise aufzuheben. Um den schon begonnenen, aber bisher immer wieder gescheiterten Übergang zu einer communistischen Produktions- und Verteilungsweise erneut anzugehen, müssen wir die revolutionären Versuche der Vergangenheit genau studieren, um nicht dem geschichtlichen Wiederholungszwang zu verfallen, ihre alten Fehler erneut zu begehen. An der „portugiesischen Erfahrung“ können wir vor allem lernen, wie und um welchen Preis das Proletariat die politische Macht an das Militär oder an staatstragende Parteien – trotz ihrer vorübergehenden „sozialistischen“ Programme stets die Hüter der bürgerlichen Eigentumsordnung – abgeben kann und wie es passiert, dass wir im Schatten unserer Repräsentation alle unsere Möglichkeiten aufgeben können, endlich zur geschichtlichen Macht, zum selbstbewussten Subjekt zu werden, das heisst für unsere eigene Aufhebung als Proletariat, als Objekt der Lohnsklaverei. Die Zahlungsbilanz der sozialen Kämpfe an Europas Peripherie wirft nach 40 Jahren im Zentrum der neuen Krise unweigerlich, auf allen Ebenen die Frage der Abrechnung auf.

TERMINE:


 

„A Revolucâo dos Cravos“ – 40 anos de partida PRECária

„Nelkenrevolution“ –40 Jahre PRECärer Aufbruch in Portugal

Quarta-Feira, 30 de Abril de 2014, 18h00

Mittwoch, 30. April, 18 Uhr

„Processo Revolutionario Em Curso“ = „anhaltender revolutionärer Prozess“, abgekürzt PREC, wird heute die „Nelkenrevolution“ und was sie bewegt hat in Portugal genannt.

Wir wollen diese „vergessene Revolution“ am Rande Europas ins Zentrum der Gegenwart, unserer Wahrnehmung bringen – in eine heute noch weiter verschärft krisenhafte Aktualität, deren Alltag ähnlich prekär ist für lohnabhängige Menschen überall, wie sie es bei dem Aufbruch in Portugal vor 40 Jahren war. Und diese – wie jede – Revolution war selbst äusserst brüchig, ja gebrochen, eben prekär: so in ihrer Klassenzusammensetzung, ihren widerspruchsvollen sozialen Interessen-Triebkräften, was in ihrem politischen Durchbruch, Aufbruch und Abbruch als Tumult und „Chaotisierung“, als „Ordnung“ und „Demokratisierung“ erschien. So im Geschlechterverhältnis, im Aufbruch der Frauen aus dem klerikal-faschistischen und unterentwickelt-kapitalistischen Muff patriarchalischer Ausbeutung … Und auch der feministische Emanzipationsanlauf brach sich zunächst noch während jener Revolution an dem Machismo und Sexismus, der in Portugal – natürlich nicht nur dort — bis heute fast ungebrochen dominant geblieben ist.

Aus Anlass der Gründung der portugiesischen Frauenselbstbefreiungsorganisation MLM (Movimento de Libertaçâo das Mulheres) am 30.April 1974 — wenige Tage nach dem Miltärputsch der antifaschistischen Offiziere & Hauptmänner und am Vorabend des 1.Mai, an dem „die Arbeiterklasse und das Volk“ in Portugals Zentren massenhaft als revolutionäres Subjekt, aber auch als bloße Repräsentation auf die Bildfläche trat – in dieser „Walpurgisnacht“ ist die translib ein Ort der Zugänge und des Zusammentreffens: von Bildern und Dokus, Analysen und Stimmen aus jenen Tagen sowie kritischen Blicken der Jetztzeit … Eine Fete ohne Folklore und Tanz in den Mai. Ein Büffet mit Portwein soll es aber geben.

 


 

Apresentação com documentários: O espectáculo dos „Cravos“ – Destruir os mitos

Vortrag mit Bilderpräsentation: Das „Nelken“-Spektakel — Die Mythen knacken

Sábado, 10 de Maio, 19h30

Samstag, 10. Mai, 19.30 Uhr

Ansetzend an den offiziellen, staatstragenden Bildern und Klischees von der „friedlichen Transformation der Diktatur in die Demokratie“ Portugals 1974-76 sowie an den Mythen der Linken soll eine kurze Einführung in die Ereignisgeschichte des „Andauernden Revolutionären Prozesses“ (PREC) gegeben werden. Zwecks Strukturierung des turbulenten Geschehens werden einige Gegenthesen über jene „vergessene Revolution“ herausgearbeitet. Dokumentarfilme werden im Anschluss an den ca 1-stündigen Vortrag angeboten.

 


 

Oficina: Sobre a história remota e recente da Revolução em Portugal … 1974-75

Workshop: Zur Geschichte und Vorgeschichte der Revolution in Portugal …1974-75

Domingo, 11 de Maio, 11h00

Sonntag, 11. Mai, 11 Uhr

Die historischen Bedingungen und Entwicklungsphasen dieser sozialen Revolution wollen wir uns in gemeinsamer Lektüre und Interpretation einiger aussagekräftiger Dokumente klarmachen. Wie kann die Frage eines linkscommunistischen Buchtitels beantwortet werden: „Portugal – Die unmögliche Revolution ?“ und was ist von der gleichzeitigen Behauptung zu halten: „Die portugiesische Erfahrung ist modern in jeder Hinsicht, ebenso wie die portugiesische revolutionäre Bewegung“ ? Auch in diesem Workshop steht uns zur Annäherung an die komplexe Geschichte verschiedenes Filmematerial zur Verfügung. Ein Reader (sowie Frühstücksbüffet) werden bereitgestellt.


 

Noite triple de cinema

Dreifache lange Filmnacht

Quinta-Feira, 22 de Maio, 19h00, + Sexta-Feira, 23 de Maio, 19h00 + Sábado 24 de Maio, 19h00

Donnerstag, 22. Mai, 19 Uhr + Freitag, 23. Mai, 19 Uhr + Samstag, 24. Mai

Ankündigung für die beiden ersten Abende Portugal: Anti-Kolonial & Portugal: Postkolonial
Es gibt wohl in Europa fast kein Land, dessen Geschichte so stark vom Kolonialismus geprägt ist wie Portugal. Die europäische Kolonialisierung Afrikas begann im Jahre 1415 mit der Eroberung der nordafrikanischen Stadt Ceuta durch die Portugiesen. Es war ein Portugiese, Vasco da Gama, der den Europäern 1498 den lang ersehnten Seeweg nach Indien entdeckte – und dabei die Menschen an den Küsten des Indischen Ozeans mit grausamem Terror überzog. Nachdem die portugiesische Krone das Seehandelsmonopol mit Indien 100 Jahre später bereits wieder an die aufstrebenden Rivalen England und Holland verloren hatte, konzentrierten sich ihre Bemühungen auf den Atlantik. Portugal hat schon im Jahre 1442 mit der Versklavung von Afrikanern begonnen, zunächst noch in relativ geringer Anzahl und sozusagen für den europäischen Hausgebrauch. Im Zuge der wirtschaftlichen Erschließung Brasiliens wurde das westafrikanische Hinterland jedoch zum scheinbar unerschöpflichen Reservoir billiger Arbeitskräfte: Die Zahl derer, die vom 16. ins 19. Jahrhundert als Sklaven in den Bergwerken und auf den riesigen Plantagen Brasiliens verheizt wurden, geht in die Millionen. Der Löwenteil der Weltgoldförderung wurde von afrikanischen Sklaven aus brasilianischen Minen geholt – in Europa ermöglichte dieses Gold den Siegeszug des Kapitals.
Doch Portugal war nicht nur die erste, sondern auch die letzte große Kolonialmacht Europas, trotz aller Rückschläge blieben die Ausmaße seiner Überseebesitzungen bis in die 1970er Jahre enorm. Während die anderen europäischen Kolonialmächte nach dem Zweiten Weltkrieg sukzessive ihre Kolonien in die politische Unabhängigkeit entließen, forcierte das faschistische Portugal seit den 1950ern massiv die Ansiedlung weißer EuropäerInnen in Angola, Mozambik, Guinea und auf den Kapverden. Zur Rechtfertigung erfanden die Ideologen der Metropole die Vorstellung von einem besonderen „Lusotropicalismus“ und beschworen Portugal als „gemischtrassige“ multikontinentale Nation. Die Lebensrealität in den Kolonien sah jedoch anders aus. Krasse rechtliche und soziale Ungleichheit, Zwangsarbeit, Armut und Analphabetismus prägten das Leben der Kolonialisierten.
Seit den frühen 1960ern erlangte der bewaffnete Widerstand gegen die Besatzer ein qualitativ neues Niveau und weitete sich unter der Führung marxistisch-leninistisch orientierter Kaderparteien zu Bürgerkriegen aus. Der langjährige, aufreibende Kolonialkrieg trug wesentlich zur ökonomischen, moralischen und politischen Untergrabung des faschistischen Regimes in Portugal bei, indem er den Staatshaushalt aufzehrte, die Armeeangehörigen massenhaft der Führung entfremdete und zu ihrer politischen Radikalisierung ebenso beitrug wie zur Ruinierung des internationalen Ansehens des Landes. Der Kolonialkrieg und die militante und propagandistische Aktivität der nationalen Befreiungsbewegungen stellen somit auch einen wesentlichen Faktor in der Vorgeschichte der portugiesischen „Nelkenrevolution“ 1974/75 dar, die ohne deren Berücksichtigung nicht begriffen werden kann.
In den beiden Langen Filmnächsten Portugal: Anti-Kolonial und Portugal: Postkolonial wollen wir nach Einführungen in die Geschichte des portugiesischen Kolonialismus jeweils mehrere Filme zeigen, die das Kolonialregime, den antikolonialen Befreiungskampf, sowie das Fortleben der Kolonialgeschichte in der portugiesischen Gegenwart zum Gegenstand haben.

22.05. / 19 Uhr / Lange Filmnacht, die I. / Antikoloniales Kino 
Nach einer (notwendig skizzenartig bleibenden) Einführung zur portugiesischen Kolonialgeschichte sehen wir zwei Spielfilmklassiker über den bewaffneten antikolonialen Widerstand in den afrikanischen Kolonien Portugals.
 
23.05. / 19 Uhr / Lange Filmnacht, die II. / Postkoloniales Kino
Nach einer kurzen Einführung zur postkolonialen Geschichte Portugals und der ehemaligen afrikanischen Kolonialgebiete sehen wir essayistisch gehaltene Filme der portugiesischen Künstlerin und Filmemacherin Filipa César, die sich mit den Möglichkeiten einer filmischen Aufarbeitung visueller Überlieferungen der Kolonialgeschichte beschäftigt. Danach sehen wir einen thematisch passenden Spielfilm.
 
24.05. / 19 Uhr / Lange Filmnacht, die III. / Die äußere Wirklichkeit des PREC – Filmabend zum „andauernden revolutionären Prozess“ in Portugal
Gezeigt werden einige der besten Dokumentarfilme über die soziale Revolution in Portugal 1974/75, die wir finden konnten. Sie führen auf den Ebenen des alltäglichen Lebens, der politischen Auseinandersetzungen und der elementarsten Klassenkämpfe plausibel vor Augen, wie sich eine revolutionäre Bewegung im damaligen Proletariat, auch auf dem Land, konstituiert. Widerlegt wird damit der Mythos, die „Männer der Politik und des Militärs“ seien die treibenden Akteure der Revolution; ebenso wie die Legende, dass es nur um den Übergang von „der Diktatur“ in „die Demokratie“ gegangen wäre. Sie zeigen: tatsächlich sind es die total durchschnittlichen Arbeiter_innen mit ihren Besetzungen und Aneignungen der Produktionsbedingungen in den Städten und auf dem Land, die mit ihren Klassenkämpfen die Geschichte machen. Am Rande Europas wurde damals damit angefangen, die Produktionsverhältnisse in Richtung einer kommunistischen Gesellschaft zu verändern – ein Experiment, das schnell wieder unterbunden werden konnte.
Das Medium Film als „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ (Siegfried Kracauer) zerstört hier den Mythos von der staatlich installierten „Nelkenrevolution“: es zeigt, wie die Arbeiter_innen als treibende Kraft agieren und die Herrschenden hinterherlaufen; wie Menschen gegen Menschen dafür kämpfen, das 20. Jahrhundert zu verlassen, solange noch Zeit war.
Außerdem bieten wir an diesem Abend die Möglichkeit, zur kolonialen Vorgeschichte der Revolution in Portugal eine in Cannes prämierte Spielfilmrarität zu sehen. In einer bitter-sarkastischen Mischung aus Monthy-Python/Sandalen-/Vietnamkriegs- und Queer-Cinema-Genre lässt er die Geschichtsmythologie des portugiesischen Weltreiches und seines Scheiterns bis zum 25. April 1974 Revue passieren. Ein Geheimtipp!

 

Oficina: Vanguarda ou retaguarda? As organizações de Esquerda em Portugal enquanto parte do „processo revolucionário em curso“ (PREC)

Workshop: Avantgarde oder Arrièregarde? Die linken Organisationen Portugals im „andauernden revolutionären Prozess“ (PREC)

Quinta-Feira, 29 de Maio – Domingo, 1 de Junho, 11h00

Donnerstag, 29. Mai – Sonntag, 1. Juni, 11 Uhr

Die Resultate der „Nelkenrevolution“ haben als letzte sozialistisch orientierte Revolutionsbewegung der Arbeiter_innen und Landarmut im alten Europa ebenso begeisternd wie ernüchternd gezeigt: Die moderne Arbeiter_innenklasse kann sich nur selbst befreien und aufheben, wenn das Ziel ihrer Befreiung die Aufhebung jeder Klassenherrschaft ist und damit die Befähigung aller Individuen zur selbstbewussten Kontrolle ihrer Gesellschaft. Die Klasse als Subjekt ihrer Emanzipation – als kämpfende Klasse – steht deshalb immer in einem problematischen Verhältnis zu den Organisationen, die ihre historische Mission vertreten oder gar führen wollen und ideologisch als ihre ökonomische und politische Repräsentation, oft sogar als ihre Avantgarde auftreten.

Während des PREC gab es in Portugal auch links von der an der Sowjetunion ausgerichteten Kommunistischen Partei, deren blockierende Tätigkeit genauer zu untersuchen ist, eine Vielzahl solcher sich als revolutionär verstehenden Gruppierungen, die auch in den Basisorganisationen der Arbeiter_innen höchst aktiv, teilweise gut „verankert“ waren und sich mehr oder weniger nützlich machten. Wir wollen uns mit der Rolle dieser Gruppen im Bildungs- und Organisierungsprozess des Proletariats und ihrer befördernden oder hemmenden Wirkung auf dessen Autonomie beschäftigen.

Wir werden den Feiertagsblock intensiv, aber auch entspannt (mit Dokus, Videos etc.) für unser Laboratorium der Selbstaneignung nutzen, um das bis jetzt vorliegende Material zu sichten, unsere eigenständigen Einschätzungen zu diskutieren und Fragestellungen für die Diskussion mit den Gästen aus Portugal am 20. Juni zu erarbeiten.

 


 

Ajustar contas ainda abertas – 40 anos de luta de classes em Portugal. Debate acerca da „Revolução dos Cravos/PREC“, com um participante e um activista de Portugal (colaboradores da revista „Tranvía“ e do Vol. 15 da „Biblioteca da Resistência“)

Die Abrechnung steht noch aus – 40 Jahre Klassenkämpfe in Portugal. Diskussionsveranstaltung zur „Nelkenrevolution / PREC“ mit Charles Reeve und Ricardo Noronha

Sexta-Feira, 20 de Junho, 19h00

Freitag, 20 . Juni, 19 Uhr

Es gibt Orte und Jahreszahlen, die in linken Ohren sofort vertraut klingen und bei Vielen eine Flut von Assoziationen, Bildern und Namen hervorrufen. St. Petersburg 1917, Barcelona 1936 oder Paris 1968 sind längst zu mythischen Chiffren für die Siege und Niederlagen der sozialen Revolution geworden. „Lissabon 1974“ bringt dagegen nichts zum Klingen, ruft keine Namen, Bilder und Parolen hervor. Lissabon 1974 steht in keiner lebendigen Beziehung mehr zu uns, und das wofür die Chiffre einsteht, ist nahezu völlig aus dem historischen Bewusstsein einer sich revolutionär verstehenden Linken gelöscht. Und das obwohl – oder vielleicht: gerade weil – das, was am 25. April 1974 in Lissabon mit einem linken Militärputsch in Gang kam, sich rasant zu der radikalsten und umfassendsten sozialen Revolution ausweitete, die Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg erschüttert hat. Denn auf die Absetzung eines faschistischen und kolonialistischen Regimes folgte in Portugal eine riesige Bewegung der Besetzungen, die sich innerhalb weniger Monate zehntausende Wohnhäuser, Betriebe und Landgüter aneignete und sie unter die räteförmige Selbstverwaltung der ausgebeuteten Klassen stellte. Seither gab es wohl keinen praktischen Angriff auf die bestehenden Eigentumsverhältnisse mehr, der den herrschenden Klassen so gefährlich geworden wäre!

Wir möchten an diesem Abend über jene Ereignisse diskutieren. Dafür konnten wir mit Charles Reeve und Ricardo Noronha zwei ganz besondere internationale Gäste gewinnen.

Charles Reeve (*1945) desertierte 1967 aus der portugiesischen Kolonialarmee und lebt seitdem im Pariser Exil. Er war in den Jahren 1974/75 aktiver Teilnehmer des revolutionären Prozesses in Portugal. Bereits im Frühjahr 1976 legte er eine kritische Analyse des Scheiterns der „Nelkenrevolution“ in seiner Broschüre Die portugiesische Erfahrung vor. Die hierin enthaltenen Einsichten sind bis heute maßgebend und wurden von Reeve in mehreren über die letzten 40 Jahre verfassten Artikeln und Essays zum Thema kontinuierlich vertieft, zuletzt in seinem neusten Text Das Unvorhersehbare – unser Territorium. Reeve schreibt unter anderem für die Zeitschrift Wildcat und berichtet seit den 1970ern aus verschiedenen Kontinenten über die Kämpfe und Lebensbedingungen eines in permanenter Umwälzung begriffenen Weltproletariats. Zuletzt erschien 2001 von ihm Die Hölle auf Erden. Bürokratie, Zwangsarbeit und Business in China in deutscher Übersetzung bei Edition Nautilus.

Ricardo Noronha arbeitet als Sozial- und Wirtschaftshistoriker am Institut für Zeitgeschichte der Universität Lissabon. Er forscht vor allem zur Einbindung des semi-peripheren Portugal in die europäische und weltkapitalistische Ökonomie und zur Nationalisierung des Bankwesens im Rahmen der „Nelkenrevolution“ (siehe seinen Aufsatz „Die Banken im Dienste des Volkes“ in dem Buch „Portugal 25. April 1974 – Die Nelkenrevolution“ vom Laika-Verlag). Unlängst veröffentlichte er unter dem Titel Never has a winter been so long ein Thesenpapier auf der Homepage der Gruppe Affect (New York), in dem er seine Einschätzung der komplizierten Konflikte und Alternativen 1974-75 prägnant verdichtet. In der Vergangenheit hat Noronha sich auch mit dem Spanischen Bürgerkrieg 1936-39, dem italienischen Operaismus und der Situationistischen Internationale auseinandergesetzt.

Gemeinsam wollen wir danach fragen, wie und warum die damals durch die Aktion der Ausgebeuteten kurzfristig eroberten ungeheuren Möglichkeiten zur Emanzipation wieder zerschlagen werden konnten? Welche Rolle spielten Staat und Kapital, aber auch die linken Organisationen, also Sozialdemokraten und Gewerkschaften, Parteikommunisten und linksradikale Grüppchen in dieser Auseinandersetzung? Worin bestanden die entscheidenden Schwächen der Bewegung, die eine teils gewaltsame, teils „samtene“ Konterrevolution möglich machten? Und nicht zuletzt: wo stehen Portugal und die portugiesische Bewegung heute, nach 40 Jahren bürgerlicher Konterrevolution und 5 Jahren Schuldenkrise?

 


 

Terra, pão e liberdade! Um documentário que inclui uma introdução e filmes acerca dos movimentos de ocupação de terras pelos camponeses pobres em Portugal em 1975

Die Landbesetzung von Torre Bela. Vortrag zur Landnahme, Kooperative sowie Grenzen und Möglichkeiten von Dokumentarfilmen

Quinta-Feira, 26 de Junho, 19h00

Freitag, 26. Juni, 19 Uhr

Torre Bela. Ein Landgut. Ein Olivenhain. Ausgetrocknet. Eine Landkommunie. Der Revolutionrat. Die Frau mit den Oliven. Der Dokumentarfilm von Thomas Harlan zeigt die Besetzung des Landguts Torre Bela in Portugal 1975. Die Arbeiter_innen bilden eine Kooperative, die Kamera ist immer dabei, ohne Erklärungen zu liefern. Der Film geht dabei Fragen nach der kollektiven Organisation von Arbeit nach, zeigt gleichzeitig die Stimmung während der sogenannten „Nelkenrevolution“ in Portugal, sowie das sich wandelnde Verhältnis zu den Soldaten. Der Vortrag will außerdem genauer auf die Machart des Filmes eingehen und nach den Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation fragen.
Thomas Harlan, Filmemacher und Schriftsteller, ist leider vor allem als Sohn Veit Harlans, dem Jud Süß Regisseur bekannt. Das Verhältnis zu seinem Vater und das Verbrechen der Shoa prägten sein Schaffen sowohl in seinen Romanen Heldenfriedhof und Rosa, als auch im Film Wundkanal. Er arbeitete in den 60er Jahren eng mit dem Staatsanwalt Fritz Bauer und der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg zusammen. Postkoloniale und linke Kämpfe außerhalb Deutschlands lagen jedoch ebenso in seinem Interesse, wie die Filme Torre Bela und der in Haiti gedrehte Souvenance zeigen.

Wichtiger Hinweis: es handelt sich nicht um eine Filmvorführung, sondern um einen Vortrag über den Film Torre Bela.

Mit freundlicher Unterstützung durch:Rosa Titel signet schwarz mit schrift2

 

 

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