17.06.2016 | 14-17 Uhr Workshop mit Beatrice Müller

17.06.2016 | 20 Uhr Vortrag und Diskussion mit Beatrice Müller

„Care – Arbeit – Gesellschaft. Wert-Abjektion als Herrschaftsform des patriarchalen Kapitalismus.“

Eine Veranstaltung des Lektürekurses Geschlecht & Arbeit in der translib.

In der Gesellschaft von Kapital und Lohnarbeit wird die Arbeitskraft zur Ware: als Lohnarbeit. Doch in der Form der Ware geht nicht alles auf, was getan werden muss, um Kind und Kegel am Leben zu erhalten. Was nicht darin aufgeht, wird als unbezahlte, indirekt über den Markt vermittelte Hausarbeit von Frauen verrichtet. Zwar werden seit einigen Jahren diese Tätigkeiten wie Alte pflegen, Kinder versorgen, Wäsche waschen und Abendessen kochen zunehmend als Lohnarbeit im Kindergarten, Altenpflegeheim und in der Kantine verrichtet. Doch verschwindet die unbezahlte Zusatzarbeit für Frauen im Haushalt nicht. Und dort, wo Pflege- und Sorgearbeit als Lohnarbeit verrichtet werden, herrscht eher Elend als Sorglosigkeit und Pfleglichkeit. Die Kindergärten gleichen Verwahranstalten, in denen 16 Kinder mit einer Erzieherin ihre 40 Stunden die Woche absitzen, während in den Altenpflegeheimen die Pflegerinnen 10 Minuten haben um den überflüssigen Essern rudimentäre Körperhygiene zukommen zu lassen. Das Feuilleton schwadroniert derweil über die kostengünstige und arbeitskraftsparende Sterbehilfe.

Die Warenform produziert also sowohl die Trennung der Gesamtarbeit in bezahlte Lohnarbeit und unbezahlte Hausarbeit als auch die Abwertung und Missachtung der Tätigkeiten und gesellschaftlichen Bereiche, die die Menschen in ihrer Leiblichkeit und Abhängigkeit betreffen und weiblich konnotiert sind. Hier treffen die Kritik der politischen Ökonomie mit der kulturellen Dimension der Gesellschaft aufeinander.

Wir haben Beatrice Müller eingeladen, die das Buch Wert-Abjektion: Zur Abwertung von Care-Arbeit im patriarchalen Kapitalismus – am Beispiel der ambulanten Pflege geschrieben hat. Sie entwickelt den Begriff der Wert-Abjektion, der die notwendige und permanente Abwertung von Care und Care-Arbeit im patriarchalen Kapitalismus theoretisiert und den sie mit empirischen Untersuchungen der deutschen Pflegepolitik und der Krise im Pflegesektor fundiert. In unserem Workshop am 17. Juni werden wir mit ihr den Zusammenhang von kapitalistischer Produktions- und Reproduktionsweise und Care-Arbeit und die Frage nach der notwendigen kulturellen Abwertung und Verwerfung von Leiblichkeit und Abhängigkeit diskutieren. Am Abend wird Beatrice Müller einen Vortrag halten, in dem sie anhand empirischer Beispiele darstellt, was mit Wert-Abjektion gemeint ist und wie die durch Wert- und Warenform hervorgebrachte Verwerfung und Verdrängung von Leiblichkeit und Abhängigkeit vonstatten geht.

Für den dreistündigen Workshop gibt es einen Reader: Reader_Care_Arbeit_Gesellschaft

Anmeldung für den Workshop: translib@gmx.de

Die Veranstaltung wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Vergangene Verstaltungen

12.05.2016 | 19 Uhr

„An der Speerspitze die Augen – Autorinnen und ihre Heldinnen“ | Workshop mit Marlene Pardeller und Katharina Zimmerhackl | Eine Veranstaltung des AK Unbegagen im Rahmen seiner Reihe HELLO, IS IT ME YOU’RE LOOKING FOR? 

Leider gibt es für den Workshop nur begrenzte Plätze.
Wenn ihr teilnehmen wollt, schreibt einfach eine Mail an:
ak.unbehagen@gmail.com

Löwen domptieren, durch Wände sehen, unsichtbar werden, sich in Stein verwandeln – lauter Fähigkeiten, die der Wille der Autorinnen ihren Heldinnen im Laufe der Jahrhunderte beigebracht hat. Immer wieder. Weil sie daran festhalten, dass das Ich nicht im Subjekt aufgehen muss.

Geschrieben haben Frauen schon immer. Erstaunlich ist die Kontinuität der Sprachbilder bei den unterschiedlichsten Autorinnen, weit über nationale und historische Grenzen hinaus. Anhand von diesen lässt sich die Geschichte der weiblichen Subjektbildung erzählen, die sich immer wieder selbst misstraut. Das ausgedrückte Entsetzen unterscheidet sich im revolutionären Russland von dem im (Post-)Faschismus. Ihnen gemeinsam ist das Wissen, dass eine Einordnung ins Bestehende nur ein mörderisches Glück sein kann.

In einem kurzen szenischen Vortrag werden Sprache und Motivation dargestellt, die das Oszillieren zwischen Ichstärke und Subjektbildung ausdrücken. Der Hauptteil des Abends besteht darin, gemeinsam Gedichte von Anna Achmatowa, Sylvia Plath und Hagit Grossmann zu lesen und zu diskutieren.

16.05.2016 | 19-24 Uhr

My home is a prison. Eine Kritik der Hausarbeit mit den Mitteln des Films.

Screening eines feministischen Filmklassikers | Mit einem Einleitungsreferat von Katharina Zimmerhackl (outside the box) | Eine Veranstaltung des Lektürekurses GESCHLECHT & ARBEIT in der translib.

Kritik und Analyse der Hausarbeit waren wesentliche Anliegen der Zweiten Frauenbewegung. Autorinnen wie Maria-Rosa Dalla Costa und Silvia Federici haben vehement darauf hingewiesen, dass das Hausfrau-Sein kein Beruf wie jeder andere ist. So kann die Rolle der Hausfrau nicht nach Feierabend abgelegt werden, ganz einfach weil es keinen Feierabend gibt. Ebenso wenig wie ein Zuhause, das im willkommenen Gegensatz zum eigenen Arbeitsplatz stünde. Arbeit und Nicht-Arbeit fallen vielmehr räumlich und zeitlich in eins. Einerseits arbeitet die Hausfrau scheinbar gar nicht wirklich – schließlich erhält sie keinen Lohn. Andererseits wird von ihr erwartet, dass sie gerade darum 24/7 ihre Lieben umsorgt. Hausfrau-Sein ist eine Lebensweise, die die ganze Person fordert und scheinbar unmittelbar aus der „Natur“ des Frau-Seins entspringt: in dieser Perspektive gibt es für keine Frau ein „jenseits“ der Hausfrau, und für keine Hausfrau ein „jenseits“ ihrer Rolle.
Wir wollen uns an diesem Abend der beklemmenden Lebensrealität der Witwe D., einer „klassischen“ Hausfrau, zuwenden. Wir begeben uns dafür in das Jahr 1975 und besuchen sie in ihrer Brüsseler Wohnung, wo wir sie drei Tage lang bei ihrer Arbeit begleiten.
Der Film zeigt deutlich die spezifische zyklische Zeitlogik der Hausarbeit und macht die vielen kleinen Handgriffe sichtbar, die D. zur ständigen Wiederherstellung der glänzenden Oberflächen in ihrem perfekten Haushalt aufbringen muss. Die Arbeit findet dabei in größter Isolation statt – gelegentliche Einkaufsgänge bieten die einzigen flüchtigen Kontaktmöglichkeiten jenseits der kleinfamiliären Enge. Doch nur dieser nahezu ereignislose, perfekt durchstrukturierte Alltag vermag der Protagonistin den nötigen seelischen Halt zu bieten. Jede Nebensächlichkeit, die ihre Ordnung zum Schwanken bringt, wird zum Auslöser tiefster Nervosität, geradezu neurotisch führt D. die Regie in ihrem eigenen kleinen Reich.
Langsam schleichen sich im Verlauf des Films kleine Risse in die Routinen ein: lang aufgestaute Aggressionen münden schließlich in ein spontanes Aufbegehren. Weitgehend ohne Dialoge und mit unbeweglicher Kamera schafft die Regisseurin eine feministische Perspektive auf die masochistische Gefühlswelt der Protagonistin. Der Film entstand im Zenit der zweiten Welle der Frauenbewegung und ist nicht nur ein Klassiker des feministischen Films, sondern zweifelsohne einer der eindrücklichsten Filme, die je gedreht wurden.

23.05.2016 | 18 Uhr

Offenes Treffen des AK Unbehagen zur Reflektion der Reihe HELLO, IS IT ME YOU’RE LOOKING FOR?

Als Abschluss für die Reihe „Hello, is it me you’re looking for? – zur Frage nach der Bestimmbarkeit weiblicher Subjektivität“ möchten wir euch gerne noch einmal in die translib einladen. Dort wollen wir Diskussionspunkte, die sich bei einer der Veranstaltungen oder in der Rückschau ergeben haben besprechen und die Anregungen und Fragen zusammentragen, die sonst in Freundeskreisen verschwinden. Es wäre schön, wenn einige von euch die Zeit und Lust finden zu kommen!

27.05.2016 | 19.30 Uhr

Auf dem Weg zur Care-Revolution. Soziale Kämpfe in der Sorgearbeit

Eine Veranstaltung von The future is unwritten mit der Initiative RESPECT aus Berlin über Kämpfe von migrantischen Hausarbeiterinnen

zur Ankündigung

Homepage: http://www.respectberlin.org

Die Veranstaltung wird gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

 

03.06.2016 | 21.15 Uhr | Theatercafé Margareten im Lofft am Lindenauer Markt

Ein Theatergespräch mit Veronika Lechner und Carina Sperk  über ihr Theterstück SCHÖNER CLEANING FEUDEL COLLAPSE, moderiert von Johannes Hauer (Lektürekurs Geschlecht & Arbeit in der translib)

 

 

 

 

Die „translib – communistisches labor“ hat im Frühjahr 2014 – zum 40-jährigen Jubiläum der sogenannten „Nelkenrevolution“ – mit der kritischen Aufarbeitung der vergessenen revolutionären Bewegung in Portugal von 1974/75 unter dem Titel „Der Maulwurf und die Nelken – Krise und Revolution in Portugal von 1974 bis 2014„ begonnen. Dies kann als ein Beitrag verstanden werden …

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Liebe Interessierte,

das heutige Treffen des Lesekreis Geschlecht&Arbeit findet ausnahmsweise nochmal in der feministischen Bibliothek Monaliesa in Connewitz statt. Es beginnt wie immer um 13 Uhr.

Wir diskutieren den zweiten Teil des Readers „Revolutionary Feminism“ mit Texten aus der zweiten Internationale von August Bebel, Eleanor Marx-Aveling, Clara Zetkin und Rosa Luxemburg

Literatur: Block 2 Texte Zweite Internationale

Bis später!

Achtung Achtung Achtung

ORTSWECHSEL ORTSWECHSEL ORTSWECHSEL

Die Veranstaltung findet statt im

Institut für Zukunft | An den Tierkliniken 38-40

Freitag 18.12.2015 | 19 Uhr

Der Islamische Staat hat die Barbarei weder erfunden noch auf neue Gipfel getrieben – das Köpfen, die Massenerschießungen, die ethnische Säuberung, das sind altbekannte Gespenster der bürgerlichen Revolutionen, der faschistischen Regimes, der demokratischen Peripherien in Übersee, ohnehin der anderen islamischen Staaten. Auch die Sklaverei ist eine globale und insbesondere in der islamischen Welt bereits vorher häufige Erscheinung.
Das Neue an der Praxis des Islamischen Staates, und damit seiner Psychologie, lässt sich in der historischen, dialektischen Situation bestimmen, in der er gedeiht. Das Globale ist das reformistische am Islamismus, Resultat der Lücke, die der Untergang des kommunistischen Projekts in den Millionenmorden der stalinistischen Diktaturen hinterließ. Die Demokratien des Westens vermögen eine solche Einheit, wie sie der tote Kommunismus und der Islam versprechen, nicht einzuholen, weil sie das individuelle Glücks- und Freiheitsversprechen der kapitalistischen Entrepreneurs und der globalen Besserverdienenden nicht in ein allgemeines verwandeln können. Die eigentliche Pathologie des Islamischen Staates heute ist mit der der bürgerlichen Demokratien vermittelt: Ihre Schwäche, die zum Zuschlagen reizt, ihre unfassbaren Widersprüche, die den Salafisten so vieles am Islamischen Staates logischer, klarer und einfacher erscheinen lassen. Eine komplementäre, dialektische Analyse der psychologischen Faktoren des Islamischen Staates erfordert die Reflexion auf vergleichbare Prozesse in den bürgerlichen Demokratien. Erst dann lässt sich über die Faszination am abschneiden, am Voyerismus, am Ornament der schwarzbeflaggten Masse sprechen. Die sado-masochistische Kollaboration von Frauen an ihrer eigenen Zurichtung zu Objekten, die homoerotische Organisation der Männerbanden und ihre femininen Attribute verweisen auf die verdrängte Homosexualität als zentrale Triebkraft der Gewalt, auf Mutterhass und damit als Hass auf den Triebkonflikt selbst, auf den Wunsch nach narzisstischer Auflösung und Reinheit (Grunberger/Dessuant). Der islamische Staat selbst ist bereits eine Reduktion des Salafismus auf den Takfirismus, die Legitimation zum Mord an Andersdenkenden. Dieser extreme Dogmatismus ist ein alter Bekannter der Religionsgeschichte und kann mit Theodor Reik als Resultat des Zweifels, des ungeglaubten Glaubens (Adorno/Horkheimer), und letztlich als Effekt des andauernden, religiöse Stilblüten treibenden, Tod-Gottes-Problems erklärt werden.

Felix Riedel ist Ethnologe (Dr. phil.) und hat über moderne Hexenjagden promoviert. Er führt das Blog „Nichtidentisches“ und arbeitet zur Gewaltanthropologie insbesondere des Islamismus und des Antisemitismus.

Hier gibt es neue Materialien zu den kommenden Veranstaltungen zur Nelkenrevolution. Einfach auf die Links klicken.

  1. ein Interview mit Radio Corax, das am Dienstag, den 24. November 2015 geführt wurde.
  2. Eine Lektüregrundlage für den Workshop am Samstag. Es handelt sich dabei um zwölf Seiten Text mit sieben allgemeinen Leitfragen zum gesamten Komplex „Nelkenrevolution“ / PREC. Diese Leitfragen werden durch Zitate aus der einschlägigen Literatur begründet bzw. es wird zu ihnen hingeführt . Hier folgt eine Kurzversion ohne die Erläuterungen  I: Autonomie? Welchen Grad an Autonomie haben die revolutionären Teile des Proletariats wirklich erreicht?  II: Backlash. Wie konnte die revolutionäre Bewegung nach 1975 so schnell verschwinden, wo sie doch ab Mitte 1975 noch an Dynamik gewonnen hatte? III: Klassenbündnis? Wenn Portugal damals vor allem in Hinblick auf die landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse ein gespaltenes Land war, haben sich denn die Linksradikalen diesem Problem jemals gestellt und versucht, diese Bauern dazu zu bringen, mit der proletarischen Bewegung ein Bündnis einzugehen? IV: Relevanz der linksradikalen Gruppen. Welche Rolle spielten ‚die linksradikalen’ Organisationen in der Revolution wirklich? V: Männlicher Chauvinismus: Wenn sich die autonome Kommunikation der Arbeiter_innen und der revolutionäre „Dialog, der sich selbst bewaffnet hat“ (Guy Debord) nicht hinreichend weiter entwickeln konnten – (wie) hing das zusammen mit der Rückständigkeit im Kampf gegen Patriarchat und Sexismus, mit dem Blockieren der aufbrechenden feministischen Bewegung und mit dem Zurückhalten der Hälfte der Bevölkerung in der traditionellen Rolle der Frau ? VI. „Weg zum Sozialismus“ oder „unmögliche Revolution“? Wäre eine längere Lebensdauer dieses Experiments überhaupt realistischerweise möglich gewesen?
    Hätte man sich gegen eine militärische Intervention der NATO verteidigen können, und wenn ja: welchen Preis hätten die langfristig Kämpfenden dafür langfristig zahlen müssen? VII: Looking back and ahead. Was ist das Moderne und Aktuelle an der Revolution / dem revolutionären Prozess in Portugal gewesen.

[This document contains an english version of our seven topical questions for the discussion about the character and the actuality of the revolution in Portugal (PREC) 1974/75  ]

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Das Land denen, die es bearbeiten.Die Hafenarbeiter unterstützen die Landarbeiter. (Siehe Leitfragen I, III & VII.)

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„Ihr habt eure Revolution nur halb gemacht …“

translib, ein communistisches Labor, bot 2014 in Leipzig die Veranstaltungs-, Filme- und Workshop-Reihe „DER MAULWURF & DIE NELKEN – DAS RHIZOM: PORTUGAL 1974-75“ aus Anlass des 40. Jahrestages der Revolution in Portugal (PREC), wozu sich auf unserem Blog zahlreiche Dokumente finden. Daran knüpfen wir dieses Jahr mit abschließenden Film- und Workshop-Tagen an, um ein vorläufiges Fazit über „die Portugiesische Erfahrung“ zu ziehen. Wir laden dazu alle cosmopolitisch an der Revolution-in-Permanenz, besonders die an der Neubegründung von Communismus Interessierten ein.

Soeben, Mitte November 2015, ist die neueste portugiesische Regierung von einer sozialdemokratischen und linken Koalition zu Fall gebracht worden, weil sie dem Sparkurs der €U-Gläubiger zu offen nachkommen wollte. Genau vor 40 Jahren, am 25.November 1975, war es allerdings ein sozialdemokratischer und rechtsreaktionärer Militärputsch um den General Eanes, der die „revolutionäre“ linke Militär-Junta und „Volksmacht“ um den „Volkshelden“ General Carvalho entmachtet hat. Das war die sozialdemokratisch geführte Konterrevolution gegen das überaus populäre Militärregime (MFA), das sich seit der antifaschistischen „Nelkenrevolution“ vom 25. April 1974 als Poder Popular, der Garant des Übergangs zu Demokratie und „Sozialismus“ ausgegeben hatte.
Das Resultat einer offenen Konterrevolution dagegen, damals vorbereitet und geführt von der sozialdemokratischen PS („Sozialistische Partei“ unter Mário Soáres), regiert nun also parlamentarisch-demokratisch seit 40 Jahren in Portugal, längst in die EU integriert, und hat bewiesen, daß sie unter sozialdemokratischer genauso wie unter ganz rechter Regierungsmacht sowie unter traditioneller Beteiligung der „Kommunistischen Partei“ nur eines zustandebringen konnte und kann: die „Mittelklassen“, auf deren Erwartungen und Ängste sie sich immer gestützt hat, in weiteren Teilen zu ruinieren (am brutalsten und fast restlos die Bauern), die Ausbeutung der lohnarbeitenden Masse der Bevölkerung durch in- und ausländische Investoren weiterhin zu garantieren, bei beschleunigter Freisetzung in Erwerbslosigkeit und Armut (weil Portugal natürlich unter den verschärften Weltmarktbedingungen nie mithalten kann), so dass heute in Portugal in manchen Regionen wieder richtig gehungert wird und — nach wie vor 1974/75 — dieses Land als ein Armenhaus Europas gilt.
Genau diese Sackgasse kapitalistischer Modernisierung versuchte die großartige Revolution der Arbeiter_innen und der Landarbeiter_innen sowie der aufbrechenden antifaschistischen Bevölkerung zwischen dem 25. April 1974 und dem 25. November 1975 zu vermeiden.

Von den heutigen Siegern der Geschichte werden diese 2 Revolutionsjahre deshalb glatt wegretuschiert: zu einer Art Stunde Null „zwischen Diktatur und Demokratie“ gemacht. Wenn wir sie dagegen aus der Jetztzeit neu wahrnehmen, gibt es keinerlei Grund, sie umgekehrt zu romantisieren. Die Proletarisierten (= Lohnabhängigen) überall – d.h. ebenso in den ehemaligen Kolonien des portugiesischen „Weltreiches“ in Afrika (Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, Kapverden), die mit der Revolution begonnen hatten! – können heute soviel klar aus der „portugiesischen Erfahrung“ lernen:
Wer eine Revolution nur halb macht, gräbt sich lediglich sein eignes Grab.“ (Louis Saint-Just 1793)

Gleichzeitig stellen sich mindestens die zwei Fragen: Wie hätte dieser „andauernde revolutionäre Prozess“ (PREC) wirklich dauerhaft greifen können, als antifaschistisch-demokratische und proletarisch-communistische Räterevolution-in-Permanenz? Die realen politischen Ansätze dafür waren 1975 schon erkämpft worden – bis hin zu einer Art Doppelherrschaft im Heißen Sommer und Herbst 1975. Wie weiter hätte sich der Übergang zu einer wirklich vergesellschafteten (nicht: staatsmonopolistischen) Ökonomie der Selbstverwaltung behaupten und entwickeln können, notgedrungen „in einem Lande“, unter den damaligen Bedingungen der ökonomischen Unterentwicklung bzw.Ungleichmäßigkeit im internationalen Rahmen sowie der internationalen Lage in der Welt(markt)politik?

1975 lähmte die berechtigte Furcht vor der Wiederholung eines US-Massakers wie 1973 in Chile die revolutionären Menschen in dem NATO-Mitglied Portugal. Und vor allem die Sozialdemokratie schürte zusätzlich die Angst vor einem Bürgerkrieg, während linksradikale „Militante“ mitsamt ihren Waffen und Strukturen schließlich schon mal in den Untergrund abtauchten. – Seit 1974 stand zudem im Raum die reale Gefahr einer Machtübernahme durch die stalinistische KP+Einheitsgewerkschaft, die Portugal in einen vorgeschobenen Posten des großrussischen Sozial-Imperialismus zu verwandeln trachtete, der damals gerade als Supermacht global in die Offensive ging (nach dem Abzug der Supermacht USA aus Kambodscha, Laos, Vietnam im April 1975). War die arbeitende Bevölkerung in Portugal „reif“ für einen solchen selbstbestimmten Weg?

Und was ist aus der „portugiesischen Erfahrung“ zu lernen heute, wo sich nicht mehr 2 hegemonistische Supermachtblöcke konfrontieren, sondern sich die Mächte des dubios-demokratischen und des offen despotischen Kapitalismus scheinbar „multipolar“ vervielfacht haben, ja in einem blutigen Sumpf der vordringenden Barbarei versinken (islamistische Unstaaten und Terrorregimes, Failed States und Warlords diverser Oligarchien, offen antisemitische Aggressionswellen, Offensive des putinistischen Rußland, des „konfuzianischen Kapitalismus“ sowie weitere Monster mit Ambitionen zur Neuaufteilung des Weltmarkts). Welche Rolle spielte und spielt dabei last but not least das treibende Kernland der EU, das in den 1960er und 70er Jahren von Westdeutschland und der „Sozialistischen Internationale“ aus die portugiesische Konterrevolution sozialdemokratisch ausrüstete, finanzierte und garantierte – die heutige Berliner Republik mit ihrem verlogenen Herrschaftsdesign als Modell der „friedlichen“, „sozialstaatlichen“ Regulation und Transformation?
Wie kann in dieser verwirrend, überwältigend erscheinenden Gegenwart der scheinbar allseitigen Konterrevolution überhaupt noch realistisch eine communistische Revolutions- und Zivilisationsperspektive gedacht werden?

Mit diesen zwei Fragen beschäftigen wir uns in der translib, einem communistischen Labor, und um ihrer wissenschaftlich-praktischen Beantwortung näher zu kommen, laden wir alle daran interessierten Individuen ein zu unserer Reprise über die portugiesische Revolution: — diesmal aus Anlaß ihrer Abwürgung und Verdrängung vor 40 Jahren. War das doch die bisher letzte, größte proletarische Revolutionsbewegung in Westeuropa, die durch die letzten großen antikolonialen Kämpfe in Afrika und anderen Weltregionen begonnen und ermöglicht worden ist.

Trotz und mit dem „worlding“ der gegenwärtigen herrschenden Geschichtsdarstellungen sind die communistischen Revolutionsanläufe des Proletariats nicht hinreichend aufgearbeitet und schon garnicht aktualisiert.
Dafür werden die Trümmer und Überreste des sozialimperialistischen Systems präsentiert: „Das war der Kommunismus!“ Diese neue Geschichtsvergessenheit durch materialreiche Verdeckung und Verfälschung – gerne auch von links — gilt es momentan und in der Zukunft dringend zu beenden. Und das ist auch wieder besser möglich. Momentan (im November 2015) sind weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Wegen der immer mehr Krisen und Katastrophen erzeugenden Verschärfung der inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise und der mit ihr einhergehenden Barbarisierung der Welt stellen sich die 2 Grundfragen früher oder später allen erneut existenziell: Wie ist heute im Weltmaßstab communistische Produktion und Verteilung zu machen, und wie kann die globale Gesamtarbeiter_in subjektiv die Reife erlangen für diese objektiv-materiell längst herangereifte Aufgabe? Alles darunter bleibt selbstverständlich karitatives und reformistisch-verantwortungsloses Immersoweitermachen (gar nicht zu reden von der religiösen Regression). Die jetzt hier ins Proletariat und ins Erwerbslosenheer sich neu eingliedernden Migrant_innen und die hiesigen Eingeborenen werden gut daran tun, nicht nur gegenseitig voneinander ihre Sprachen zu lernen, sondern überhaupt einander als national geprägte und entwurzelte Segmente und Individuen des Weltproletariats, besonders ihre jeweils verschiedene, bürgerliche und proletarische Revolutionsgeschichte kennen zu lernen, sie assoziiert zur Revolution-in-Permanenz aufzuarbeiten und durchzuarbeiten und dabei die gemeinsamen Folgerungen aus diesen Erfahrungen zu ziehen. Es geht um ihre Selbstorganisation zur Klasse des historischen Bewusstseins. Communistische Produktion und Verteilung in einer staatenlosen Weltgesellschaft ist keine Utopie, sondern bleibt die einzige realistische Alternative. Um sie aktuell zu diskutieren, kann in diesen Tagen die portugiesische Erfahrung ein äüßerst aufschlußreicher Ansatzpunkt sein.

Mit „NOVEMBER 1975 2015 DIE PORTUGIESISCHE ERFAHRUNG“ nehmen wir unsere Reihe vom April – Juni 2014 zur „Nelkenrevolution“ und dem PREC („andauernder revolutionärer Prozess“) in Portugal 1974-75 noch einmal auf und bringen sie zu einem vorläufigen, bilanzierenden Abschluß: als Filmabendreihe mit einem anschließenden Workshop, der die bisherigen Ergebnisse der Reihe zusammenfasst.

Mi 25.11.
Zum 40. Jahrestag der Beendigung des revolutionären Prozesses durch die Konterrevolution in Portugal / Eanes-Putsch 1975:
CLASS STRUGGLES IN PORTUGAL 1974-75 von R.Kramer.
Der umfassendste Dokumentarfilm über die gesamte Revolution. Davor geben wir noch einmal eine kurze einleitende Skizze (30 min) über die „Nelkenrevolution“ 1974, den anschließenden revolutionären Prozeß (PREC) bis zum „Heißen Sommer & Herbst“ 1975 und besonders zum konterrevolutionären Rollback.
Beginn 19.30 Uhr

Do 26.11.
Wir zeigen einen prämiierten aber selten gezeigten feministischen Spielfilm aus Mosambik über die ambivalente Entwicklung seit der Befreiung von der portugiesischen Kolonialherrschaft: Kampf gegens Patriarchat unter „sozialistischem“ Anstrich.
Beginn 19.30 Uhr

Sa 28.11.
WORKSHOP: „UNMÖGLICHE REVOLUTION ?“
Gemeinsam werden wir versuchen, einer vorläufigen Beantwortung der Fragen zum PREC in Portugal 1974-75 näher zu kommen, die im Verlauf der Veranstaltungsreihe aufgeworfen worden sind.
Geeignet auch für Interessierte, die sich mit der „Nelkenrevolution“/ dem PREC noch nie oder kaum beschäftigt haben.

Diskussionsgrundlage:

Chronik der Ereignisse in Portugal von 1973-76 als erster Überblick: https://translibleipzig.files.wordpress.com/2014/05/portugalchronik73-76.pdf

Sieben Leitfragen zum PREC:

PortugalPREC2015Leitfragen
12 – 14 Uhr + 15.30 – 17.30 Uhr

LEKTÜREKURS ZUR STAATSKRITIK
ab 01.12.2015 jeden zweiten Dienstag 19.00 Uhr

»Am Tage einer Revolution wird der staatliche Kollektivist, der Sozialdemokrat nach dem Parlament eilen und von dort seine Verordnungen über das System des Eigentums erlassen; er wird bestrebt sein, sich als eine mächtige Regierung einzusetzen, welche die Nase in alles hineinsteckt und Statistiken und Regeln über die Anzahl der Hühner im kleinsten Dorf aufstellt. Der Anhänger der unabhängigen Kommune wird auch aufs Stadthaus eilen und sich als Regierung einzusetzen versuchen; er wird verbieten, daß man das heilige Eigentum antastet, solange Gemeinderat dies nicht für zweckmäßig hält. Der kommunistische Anarchist wird hingegen das Prinzip verkünden, daß man sich um das Parlament der Gemeinden nicht kümmern soll. Die Arbeiter sollen an Ort und Stelle sofort die Werkstätten, Häuser, Getreidemagazine, kurz den gesamten gesellschaftlichen Reichtum zum Besitz der Gemeinschaft erklären. Der kommunistische Anarchist wird keine „revolutionäre Regierung“ erwählen, sondern in jeder Kommune, jeder Gruppe versuchen, das gemeinsame Produzieren und Konsumieren zu organisieren.«
Peter Kropotkin

WAS IST DER STAAT? Was haben die Menschen, die durch ihr Zusammenwirken im Alltag eine GESELLSCHAFT bilden, mit dem Staat zu tun – und umgekehrt, in welcher Beziehung steht der Staat zu ihnen? Diese Frage wissenschaftlich zu beantworten, würde eine der gravierendsten Unterentwicklungen in der Kritik der bestehenden Gesellschaft überwinden. Denn sowohl negativ wie positiv scheint der Staat der unhinterfragte Ausgangspunkt jeder Politik zu sein.

Wir gehen davon aus, dass die bestehende Gesellschaft grundlegend an der Frage des EIGENTUMS AN DEN GESELLSCHAFTLICHEN PRODUKTIONSMITTELN in GEGENSÄTZLICHE KLASSEN UND INTERESSEN gespalten ist. Auch wenn beide Klassen unter der gleichen Entfremdung leiden, äußert sich das ALLGEMEINE MENSCHLICHE INTERESSE an der revolutionären Aufhebung dieser Gesellschaftsform als das BESONDERE INTERESSE der Klasse der Proletarisierten, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft für Lohn zu verkaufen, und die den Reichtum diese Gesellschaft als fremdes Produkt, als Kapital produzieren. Aber immer wenn sich solche wirklichen gemeinsamen Interessen äußern, versucht der Staat sie von der Gesellschaft loszulösen, zu seiner Sache zu machen und den Klassenindividuen als ein allgemeines, höheres Interesse gegenüberzustellen. Der Staat erscheint so als Vertreter der Interessen aller auf seinem Territorium lebenden Bürger, unabhängig davon, welche Stellung diese im gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsprozess einnehmen – also als „Staat aller Bürger“ bzw. „des ganzen Volkes“. Diese Allgemeinheit, die der Staat für sich beansprucht zu vertreten, ist aber wegen der Spaltung der Gesellschaft in Klassengegensätze eine Fiktion. In Wirklichkeit stellt er nur die ALLGEMEINEN BEDINGUNGEN DER KAPITALISTISCHEN PRODUKTION sicher, von der er als einer auf der Einnahme von Steuern beruhenden Organisation ökonomisch abhängig ist. Deshalb ist auch die Vorstellung nicht völlig falsch, dass ohne den Staat Chaos und Barbarei ausbrechen werden – allerdings das Chaos und die Barbarei der ungezügelten BÜRGERLICHEN KONKURRENZGESELLSCHAFT. Wenn die Individuen aber die Konkurrenz zugunsten einer gesamtgesellschaftlichen Kooperation aufheben, indem sie die Produktionsmittel von Privat- in Gesellschaftseigentum umwandeln, schaffen sie damit die Grundlage dafür, ihre öffentlichen Angelegenheiten durch freien Zusammenschluss zu regeln, statt sie an den Staat abzutreten.

Als Staat des Kapitals tritt dieser aber nicht nur als LEVIATHAN auf – als Souverän, der symbolisch mit Schwert und Waage herrscht, sich in seiner modernen Form einer professionalisierten Verwaltung sowie einer regelhaften und damit nachvollziehbaren Vertragsfreiheit bedient, das heißt der für alle ohne Unterschied geltenden RECHTSFORM. Er führt schon immer sein diffus negatives Alter Ego mit sich: den BEHEMOTH, die entfesselte, fragmentierte Gewalt, die sich als Polykratie ausdrückt – dem Nebeneinander verschiedener Machtgruppen, zwischen denen reine Willkür und keine rechtsförmig vermittelte Beziehung herrscht. Verwirklicht sich dieses Chaos der Gewalten, verkommt das Recht zum bloßen Handlanger der Willkürherrschaft und seine Rationalität wird restlos aus seinem Rechtsmantel herausgeschält. Der im allgemein geltenden Recht garantierte Schutz des Individuums wird preisgegeben, der Staat und sein Volk ballen sich in einem Schmelztiegel krisenhafter Vergesellschaftung zusammen. Die Konzentration von ökonomischer Macht und politischer Gewalt über der Gesellschaft spitzt sich aufs Äußerste zu. Die Gemeinschaftsideologie, ob völkisch oder religiös, sowie das Führer-Prinzip stellen den Kitt dar, der über die realen Klassengegensätze hinweggeht und damit jeden gesellschaftlichen Widerspruch einebnet, um innere Vereinheitlichung bis zum Umschlag in einen gesellschaftlichen Wahn zu steigern.
Dieser schlechten Aufhebung des modernen bürgerlichen Staates, der bürokratisch-zentralistischen Machtmaschinerie, wie sie an Verhältnissen der „failed states“ beobachtet werden kann, müssen sich die ZIVILISIERTEN Feinde des Staates bewusst sein und stellen.Die Staatsgewalt revolutionär zu brechen, kann deshalb nicht einfach bedeuten, sie nach unten zu zerstreuen, sondern ihr den SELBSTBEWUSSTEN UND EMANZI-PATORISCHEN GEBRAUCH DER GEWALT aller Gesellschaftsmitglieder entgegenzusetzen, die für ein Ende der gesellschaftlichen Trennungen kämpfen – Trennungen, die mit Notwendigkeit immer wieder ins barbarische Hauen und Stechen der Vorgeschichte der Menschheit führen.

Als Proletarisierte sollten wir uns keine Illusionen über die herrschende Gesellschaftsordnung machen. Ihr Zweck sind nicht wir als Individuen, sondern umgekehrt sind wir nur das Mittel zur Aufrechterhaltung ihres Spektakels. Wenn das Kapital uns als auszubeutende Arbeitskräfte nicht braucht, werden wir aufs Pflaster geworfen. Und wenn wir versuchen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, werden wir es mit ihrem BEWAFFNETEN GARANTEN der Staatsgewalt zu tun bekommen. Das ist keine idyllische Aussicht und deshalb werden wir uns äußerste Klarheit über den Staat verschaffen müssen, um vor diesem Monster, als das es schon der klassische bürgerliche Staatstheoretiker Thomas Hobbes allegorisch bezeichnet hat, nicht zu erstarren.

»Die älteste gesellschaftliche Spezialisierung ist es, die Spezialisierung der Gewalt, die an der Wurzel des Spektakels liegt. Das Spektakel ist somit eine spezialisierte Tätigkeit, die für die Gesamtheit der anderen Tätigkeiten spricht. Es ist die diplomatische Repräsentation der hierarchischen Gesellschaft vor sich selbst, wo jedes andere Wort verbannt ist. Hier ist das Modernste auch das Archaischste.«
Guy Debord

—> Voräufiger Lektüreplan des Staatskritik-Lektürekurses <—

Leviatan

Der Leviathan – das ist keine idyllische Aussicht.