Industrie 4.0, Arbeit 4.0 und jetzt auch Kapital 4.0. Was soll das? Der Kapitalismus befindet sich in einer tiefgreifenden Krise. Manche Beobachter_innen sprechen gar davon, dass es sich um die größte Krise seit der Großen Depression der 1930er Jahre handelt. Die soziale Ungleichheit nimmt seit Jahrzehnten immer mehr zu. Massenarbeitslosigkeit und stagnierendes Wachstum gehören seit den 1970er Jahren zum Alltag. Von dem jüngsten Krisenausbruch sind einem UN-Bericht aus dem Jahr 2013 zufolge vor allem Frauen* betroffen. Dabei sind es insbesondere migrantische Arbeiterinnen*, die meist in prekären Jobs im Fürsorgebereich und anderen Niedriglohnsektoren arbeiten und als erstes aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wurden. Sie nehmen die Funktion einer vergeschlechtlichten modernen “Reservearmee” auf dem Arbeitsmarkt ein. Meist geht dies mit einer Verwilderung ihrer Lebensrealität einher: Erneute finanzielle Abhängigkeit von Staat oder Partner, Doppelbelastung durch Reproduktions- und Gelegenheitsarbeit.

Deutlich tritt an die Oberfläche, was als längst überwunden galt: Der Kapitalismus ist eine patriarchale Klassengesellschaft. Vor diesem Hintergrund haben feministische Initiativen vor einigen Jahren die Care Revolution ausgerufen. So sollte die herrschende Produktionsweise umgewälzt werden. Doch heute scheint eine ganz andere Entwicklung unsere Lebensbedingungen umzuwälzen. So macht die Rede von einer ‘neuen technologischen Revolution’ die Runde. Durch sie könne noch effizienter produziert, mit weniger Aufwand menschlicher Arbeitskraft neuer Wachstum generiert werden, so das Heilsversprechen. Ein Ende der Krise also? Ist diese Entwicklung gar die Vorbotin einer neuen Welt? Einer, in der Roboter die Arbeit erledigen, während die Menschen sich nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen frei und friedlich entfalten können? Unter den herrschenden Produktionsbedingungen nicht gerade wahrscheinlich.

Nur im Kapitalismus ist der Irrsinn rational, dass größeres Potenzial in der Reichtumsproduktion nicht mehr Glück, sondern Elend und Armut hervorbringt. So geht die berechtigte Sorge davor um, dass im Zuge von Industrie 4.0 jede Menge Arbeitsplätze wegfallen könnten. Denn Industrie 4.0 heißt, dass vor allem im personennahen Dienstleistungsbereich ordentlich eingespart und auf Automatisierung gesetzt werden kann. Düstere Prognosen prophezeien eine massive Zunahme an Leih-, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit und damit steigende Armut. Unter anderem darum hat das Bundesarbeitsministerium in den letzten zwei Jahren mit den Sozialpartnern über mögliche Perspektiven gesprochen. Dieser ‚Dialogprozess‘ trägt den Namen Arbeit 4.0. So sollen die “neuen Herausforderungen sozial mitgestaltet” werden.

Doch es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit, Krise und technologischer Revolution. Nach Karl Marx ist es der Wert, die in den “Waren vergegenständlichte abstrakte menschliche Arbeit”, der das Kapital antreibt. Krisen begreift er dabei als logischen Ausdruck der Widersprüche dieser vergleichsweise jungen historisch einmaligen Art der Reichtumsproduktion. Mit der Abendschule Kapital 4.0 wollen wir einen Rahmen schaffen, in dem wir uns diesen Zusammenhang gemeinsam erschließen können. In wöchentlichen abendlichen Sitzungen sollen Abschnitte des ersten Bandes des Kapitals vorgestellt und diskutiert werden.

Dabei zielt die Abendschule insbesondere auf zwei Dinge ab: Erstens soll die Abendschule auch für jene ein Ort der Diskussion sein, die aufgrund von Lohnarbeit, familiären oder sonstigen Verpflichtungen nur wenig Zeit haben für eine intensive Lektüre des Kapitals. Kurzvorträge zu Beginn jeder Sitzung sollen dazu dienen, dass auch diejenigen, die sich mit dem Lesen abstrakter Texte schwer tun, am Ball bleiben können. Zweitens wollen wir die nach wie vor männlich dominierte Kapitallektüre aufbrechen. Darum ist die Teilnehmer_innenzahl im Sinne einer profeministischen Diskussionsatmosphäre nach Geschlecht quotiert.

Die Marx Abendschule Leipzig findet in Kooperation mit dem communistischen Labor translib und der Rosa Luxemburg Stiftung Sachsen statt.

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