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Veranstaltungen

Workshop mit 3 Genossinnen aus Hamburg

15.11.2019 | 13 bis 17 Uhr | translib (Lützner Straße 30, Leipzig)

Die Teilnehmer_innenzahl für den Workshop ist begrenzt. Anmelden könnt ihr euch per Mail an workshop_translib@gmx.net

Nachdem bereits 2018 in verschiedenen Ländern der Welt riesige Frauenstreiks stattgefunden hatten,wurden dieses Jahr auch in Deutschland alle FLTI* zum politischen Streik aufgerufen. Am 08. März 2019 hoben die feministischen Streiks die Welt wieder ein Stück aus den Angeln: Weltweit streikten und demonstrierten Millionen Menschen gegen die Zurichtung in Geschlechter und die patriarchalen Verhältnisse im Job, in ihren Wohnungen und auf den Straßen. In Deutschland traten hunderttausend Menschen in den Ausstand und brachten die größten feministischen Demonstrationen seit weit über 10 Jahren auf die Straße; die Schweiz erlebte sogar die zweitgrößte politische Aktion ihrer Geschichte. Auch in Hamburg versammelten sich 10 000 trans*, inter und cis Frauen, um lautstark zu demonstrieren und zu singen, um AfD-Plakate zu entfernen, Straßen zu besetzen und mit ihren Freundinnen, Genossinnen und Nachbarinnen ins Gespräch zu kommen.

Die Aktionen am 08. März sollten das Patriachat auf verschiedenen Ebenen treffen, im Öffentlichen und im Privaten, und Druck aufbauen anstatt zu appellieren. In Deutschland wurde über Möglichkeiten des politischen Streiks diskutiert und dieser bis ins bürgerliche Lager hinein in Erwägung gezogen – tatsächlich gestreikt wurde aber so gut wie gar nicht. Dennoch sprach der Streikbegriff viele von uns an, sich schließlich auf unterschiedliche Art am 08. März zu beteiligten: Er ermöglichte, verschiedene feministische Themenfelder, die derzeit zwar wieder verstärkt sichtbar, aber dennoch oft als einzelne, isolierte Konflikte verhandelt werden, tendenziell aufeinander zu beziehen. Das Soziale und Private wurden ganz selbstverständlich mitpolitisiert und, neben feminisierter Lohnarbeit, als Kernthemen der Streiks begriffen. Weiblichkeit wurde als konkrete Arbeitskategorie gefasst und eine kollektive Organisierung anhand dieser Arbeitsstrukturen und den damit einhergehenden Unterdrückungsverhältnissen versucht. Für viele von uns bedeutete das nicht nur eine Sichtbarmachung und Organisierung unserer Erfahrungen, sondern auch eine Form der Organisierung anhand unserer Lebensrealitäten, die uns ziemlich erstaunt und glücklich zurück ließ und die über den Aktionstag 08. März hinausreicht.

Wir denken, dass die feministischen Streiks einen sozialrevolutionären Kern haben, der viel damit zu tun hat, wie unsere Erfahrungen in ihnen verhandelt werden, insbesondere in der Art, wie Erfahrung in der Öffentlichkeit organisiert oder auch nicht organisiert wird. Für den Workshop haben wir unsere Überlegungen zur feministischen Praxis um den 08. März in Hamburg systematisiert und noch einmal grundlegender über Aktivismus, feministische und linksradikale Praxis und Organisierung nachgedacht. Dazu haben wir einige interessante Ideen in linksradikalen Organisierungsdebatten und bei Oscar Negts und Alexander Kluges Theorie zu Öffentlichkeit und Erfahrung gefunden. Unsere Thesen möchten wir gerne mit euch diskutieren, um für kommenende Auseinandersetzungen klüger zu werden.

Diskussionsveranstaltung mit Christian Frings

 

01.11.19 | 19 Uhr | translib (Lützner Straße 30, Leipzig)

 

Wilder Streik bei Pierburg in Neuss, 1973

 

Die rechtspopulistischen Mobilisierungen nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in anderen Ländern Europas, in den USA, der Türkei oder Brasilien haben zu einem neuen Interesse in linken Kreisen an Fragen des Klassenkampfs geführt. Dabei richten sich die Hoffnungen oft auf eine Revitalisierung gewerkschaftlicher Kämpfe und die Überwindung einer sozialpartnerschaftlichen Befriedungspolitik, die sich an nationalen Standortvorteilen in der internationalen Konkurrenz orientiert und damit den aufkommenden Nationalismus geradezu fördert.

Solche Erwartungen sind in der Vergangenheit immer wieder enttäuscht worden, ohne dass nach den grundlegenden Zusammenhängen zwischen der Organisationsform Gewerkschaft und den Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise gefragt wurde. Als das internationale Kapital Ende der 1960er-Jahre massiv in die industrielle Produktion in Brasilien und Südafrika investierte, entstanden dort in kurzer Zeit militante Klassenkämpfe, aus denen neue kämpferische Gewerkschaftsorganisationen entstanden. Die brasilianische CUT und die südafrikanische COSATU galten als beispielhaft für die Möglichkeit, alte bürokratisch verkrustete Gewerkschaftsstrukturen durch soziale Bewegungsgewerkschaften zu überwinden. Ähnlich vielversprechend war die gewerkschaftliche Entwicklung in Südkorea, nachdem dort eine massive Streikwelle 1987 die sozialen und politischen Verhältnisse erschüttert hatte. Heute müssen wir ernüchtert feststellen, dass es in allen drei Fällen mit dem Rückgang der offenen Kämpfe wieder zu einer Bürokratisierung und Verknöcherung dieser Organisationen gekommen ist. Sie treiben nicht die Klassenkämpfe voran, sondern haben sich in den Staat integriert und tragen zur sozialen Befriedung bei. Reiner Zufall?

In diesen Ländern des globalen Südens scheint wie im Zeitraffer ein Prozess abgelaufen zu sein, für den es im 19. Jahrhundert in Westeuropa Jahrzehnte brauchte. In mühevollen Debatten und Kämpfen musste überhaupt erst geklärt werden, was „freie Lohnarbeit“ sein soll, wenn doch in jedem Arbeitsverhältnis der Eigentümer der Produktionsmittel die Befehlsgewalt hat und kommandiert. Eine kollektivvertragliche Regelung der Arbeitsbedingungen, wie wir sie heute als Tarifvertrag für selbstverständlich halten, war zunächst sowohl für die Juristen und Staatsmänner als auch für die ersten Zusammenschlüsse von Arbeiter*innen völlig undenkbar – zumal es noch gar keine gerichtlichen Instanzen gab, die die Einhaltung solcher Verträge hätten erzwingen können. Erst nach der großen Streikwelle der Jahre 1889/1890 in Westeuropa, die zum größten Teil von bis dahin noch nicht organisierten Arbeiter*innen ausging, kam es zu einer Verfestigung von Gewerkschaften als Massenorganisationen. Sie konnten sich zunehmend auf die Anerkennung durch Unternehmer und den Staat stützen, von der wiederum ihre organisatorische Stabilität abhing. Die nationalistische Haltung dieser Organisationen im Ersten Weltkrieg war lediglich das konsequente Ergebnis dieser Integration in den Staat.

Diese historischen Befunde werfen die Frage auf, was diese Entwicklungstendenz gewerkschaftlicher Organisierung, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts als „ehernes Gesetz der Oligarchie“ bezeichnet wurde, mit den allgemeinen Mystifikationen und Fetischformen der kapitalistischen Produktionsweise zu tun haben könnte. Von zentraler Bedeutung ist dabei die radikale Kritik der Lohnarbeit, wie sie Marx im „Kapital“ entwickelt hat – von der aber heute in linken Kreisen wenig gesprochen wird, weil die Wiederherstellung eines auf Lohnarbeit beruhenden „Normalarbeitsverhältnisses“ das einzig denkbare linke Reformziel zu sein scheint. Das Leiden der Menschen an dieser Normalität findet damit aber keinen – jedenfalls keinen linken und gesellschaftskritischen – Ausdruck mehr.

Diese theoretische und historische Kritik der Gewerkschaft verfolgt einen praktischen Zweck: Möglichkeiten und Wege zu eröffnen, an radikalen Tendenzen in sozialen Konflikten und Streiks anzuknüpfen und ihre Potentiale auszuloten, über die institutionelle Befriedung der Klassengegensätze hinauszugehen. Dies soll abschließend an einigen Beispielen und Erfahrungen erläutert werden.

Christian Frings ist Aktivist, Autor und Übersetzer aus Köln. Seit den 1970er-Jahren beschäftigt er sich mit der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx und Fragen der globalen Klassenkämpfe. Als prekärer Jobber und Leiharbeiter hat er die verschiedensten Fabriken und Unternehmen in seiner Region kennengelernt und unterstützt selbstständige Arbeiter*innenkämpfe.

Aspekte der politischen Ökonomie Ostdeutschlands

10.07.  |  19:00 Uhr  |  translib

Vortrag mit anschließender Diskussion

Debatten über Ostdeutschland erreichen im Moment einen neuen Höhepunkt:
AFD-Wahlerfolge, Forderungen nach einer Treuhand-Aufarbeitung und einer
„Ossi-Quote“ sowie das Sprechen über biographische Brüche der
Nachwendezeit bestimmen teils die bundesweite Öffentlichkeit. Die Frage,
allenthalben: Was ist eigentlich im Osten los?
Bei den Erklärungsversuchen nimmt eine polit-ökonomische Perspektive auf
die ostdeutsche Teilgesellschaft eine eher randständige Stellung ein.
Gerade hierbei zeigen sich jedoch handfeste Unterschiede zu
Westdeutschland: Spezifische Eigentumsverhältnisse und die Abhängigkeit
von einem innerstaatlichen Transferkreislauf kennzeichnen einen
peripherisierten Wirtschaftsraum ohne lokale Bourgeoisie.
Im Vortrag wird diese spezifische politische Ökonomie näher beleuchtet,
in ihrer historischen Gewordenheit nachvollzogen und die zukünftige
Entwicklung antizipiert. Außerdem soll thesenhaft das Verhältnis jener
spezifisch ostdeutschen politischen Ökonomie zu den verbreiteten
ideologischen Verarbeitungsformen diskutiert werden.

Diskussionsveranstaltung | 29.06. | 19:30 Uhr | translib | ohne Anmeldung

UND

Tagesseminar | 30.06. | 11:00 bis ca. 18:00 Uhr | translib | mit Anmeldung

Gegenwärtig sind reaktionäre und autoritäre Kräfte nicht nur weltweit im Aufwind begriffen, Nationalkonservative, Faschisten und Islamisten scheinen auch das Feld des Utopischen fest im Griff zu haben. Während die Vorstellung von einer besseren Welt lange Zeit als zentrale Stärke der Linken galt, begnügen sich emanzipatorische Kräfte heute zumeist damit, Defensivpositionen einzunehmen, breite Bündnisse auszurufen und an sozialdemokratischen Minimalstandards festzuhalten. Doch besteht die richtige Antwort auf die rechte Gefahr wirklich darin, dass radikale Linke sich mit dem liberalen Bürgertum in eine Gemeinschaft des Reformismus retten?

Nein, vielmehr sind gerade jetzt radikale Gegenentwürfe zum Bestehenden an der Zeit. Die Revolten und Aufbrüche der letzten Jahrzehnte blieben in dieser Hinsicht ziemlich blass und kapitulierten davor, den Übergang zu einer wirklich nachkapitalistischen Gesellschaft zu wagen. Dabei spricht einiges dafür, dass die alte Bestimmung des Kommunismus als einer Gesellschaft, in der jede nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen leben und tätig werden kann, brandaktuell ist.

Was die Aufhebung des jetzigen Zustands konkret heißt und wie die Welt von morgen aussehen könnte, haben die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft in der neuen Ausgabe des Kosmoprolet zu umreißen versucht. Wie könnte die gesellschaftliche Produktion organisiert und die gesellschaftliche Arbeit verteilt werden? Werden Entscheidungen zentral oder dezentral getroffen? Und was machen wir mit den Maschinenparks der alten Gesellschaft? Einige der zentralen Fragen, auf die die Kommunarden und Kommunardinnen in den kommenden Aufständen stoßen werden, werden die Freundinnen und Freunde am Abend des 29.06.18 zur Debatte stellen. Den Text im Heft findet ihr auch online

Es folgt am Samstag, den 30.06.18 ein Tagesseminar, um die angerissenen Fragen weiter zu vertiefen. Wenn ihr an dem Seminar teilnehmen möchtet, meldet euch bitte per Mail an, an translib(at)gmx.de! Die Plätze sind begrenzt. Daher bitten wir euch, wenn ihr doch nicht könnt nach einer Anmeldung, rechtzeitig wieder abzusagen.

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Tagesseminar zu Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts: Die Moralität

veranstaltet von den materialistischen Freundinnen und Freunden der Hegel‘schen Dialektik

So, 14.5.2017, 11 bis 18 Uhr

„Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören.“ Dieser Satz stammt nicht von einem anarchistischen Revolutionär, sondern von demjenigen, der heute gerne als der preußische Staatsphilosoph schlechthin charakterisiert wird: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Eine Jugendsünde, zugegeben. Von diesem staatsfeindlichen Ungestüm ist in seinem späten Werk, den Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820/21), nichts mehr zu spüren. Der Staat, der einmal aufhören sollte, wird nun von Hegel wie ein Gott verehrt. Hegel sieht in ihm nicht länger die Gewaltmaschine der Unfreiheit, sondern den Inbegriff der Freiheit: „Der Staat ist als die Wirklichkeit des substantiellen Willens, die er in dem zu seiner Allgemeinheit erhobenen besonderen Selbstbewußtsein hat, das an und für sich Vernünftige.“ Die Rechtsphilosophie ist Hegels Versuch, der bürgerlichen Gesellschaft, die sich selber beständig negiert, ihr positives philosophisches System zu geben. Anders als vulgäre Ideologen erkennt er durchaus und verschweigt es nicht, dass diese Gesellschaft aus sich selbst heraus die Kräfte ihrer Zerstörung hervorbringt. Eine Einsicht, die einen Fortschritt gegenüber der abstrakten Negation des jungen Hegels, der Forderung des Aufhören-Sollens des Staates, darstellt, so wie überhaupt die Rechtsphilosophie trotz ihres positiven Charakters eine vortreffliche Schule für die Kritik des Staates ist. Denn in ihr wirkt der Geist des Widerspruchs – die Dialektik -, in dem der Ungestüm des jungen Hegels aufgehoben ist und der trotz der Bändigungsversuche des alten zur Überschreitung der Grenzen drängt. Selbst in diesem hermetischen System ist die „groteske Felsenmelodie“ der Dialektik zu vernehmen, die Marx schon in ihren Bann gezogen und seine Kritik der Gesellschaft inspiriert hat.

Wegen der Lockungen dieser Melodie gründeten wir vor drei Jahren einen Lesezirkel zur Rechtsphilosophie. Gerade haben wir die Diskussion der Moralität abgeschlossen, bei der wir uns vor allem über Hegels Unterwerfung der subjektiven Freiheit unter den Staat und Hegels Kritik an Kants Moralität gestritten haben. Nach dem abstrakten Recht und vor der Sittlichkeit bildet die Moralität, welche von Hegel auch als „Recht des Subjekts“ bezeichnet wird, den Mittelteil der Rechtsphilosophie. In diesem Kontext zielt die Moralität auf die Bestimmung des Willens in seiner Handlung. Seine abstrakt-rechtliche Vermittlung durch Eigentum und Vertrag überschreitet der Wille qua moralischer Reflexion dahingehend, dass er sich als Subjekt in seinen inhaltlichen Momenten (Vorsatz und Schuld, Absicht und Wohl, das Gute und das Gewissen) konkretisiert. Dieser Wille aber wird am Ende seiner moralischen Läuterung, die ihm das Gute zum „absoluten Endzweck der Welt“ setzt, als „die höchste Spitze der Subjektivität“ unlauter – er kommt zu Fall und wird böse. Moralität im Sinne Hegels bedeutet Selbstkonstitution und Autodestruktion des Rechtsubjekts.

Ziel des Seminars ist es, die begrifflichen Bestimmungen der Moralität darzustellen, unseren Diskussionsstand hierzu zusammenzufassen, sowie den Geist des Widerspruchs in der Kritik an Hegel auszubilden. In den letzten Jahren haben mehrere Interessierte die Tagesseminare als Gelegenheit genutzt, in unsere Arbeitsgruppe einzusteigen und wir freuen uns, wenn das auch dieses Mal gelingt. Für das Seminar bereiten wir kurze Referate vor, die als Impulse für die Diskussion dienen. Die Kenntnis der Rechtsphilosophie, wenigstens bis einschließlich der Moralität, setzen wir voraus. Auf Anfrage können wir den Text bereitstellen. Da Hegel immer wieder Kant kritisiert und wir diese Kritik diskutieren wollen, sind Grundkenntnisse der Philosophie Kants, insbesondere seine Grundlegung zur Metaphysik der Sitten von Vorteil. Die Teilnehmerzahl ist auf 18 begrenzt. Eine Anmeldung per Mail an translib [at] gmx.de ist notwendig.

Tagesordnung:

1. Die Stellung der Moralität in der Rechtsphilosophie

2. Die Moralität in ihren Momenten

3. Das Recht des Subjekts als Pflicht zum Gehorsam: Kritik der Moralität

4. Hegel, Kant und die kritische Bedeutung des kategorischen Imperativs

Das Seminar wird von den Fachschaftsräten Kulturwissenschaften, Jura und Philosophie der Universität Leipzig gefördert.

Am 14.4.2017 und 15.4.2017 in Halle an der Saale

Mit Johannes Hauer & Jérôme Seeburger (translib Leipzig)

„Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“ Auch wenn Marx in diesem berühmten Satz aus seiner Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1843/44) ausdrücklich eine Einschränkung seines Urteils auf Deutschland vorgenommen hat, ist ihm der aufklärerische und revolutionäre Optimismus der Zeit vor der Niederlage der 1848er Revolution anzumerken. In ihm kommt außerdem die Begeisterung zum Ausdruck, die Ludwig Feuerbachs religionskritische Schriften jener Jahre in fortschrittlichen Kreisen ausgelöst haben. Mit ihnen schien tatsächlich alles Wesentliche zu der in deutschen Landen vorherrschenden Religion gesagt zu sein. Marx und Engels korrigierten diese Einschätzung jedoch später dadurch, dass sie über Feuerbach hinausgehende wesentliche Bestimmungen der materialistischen Kritik der Religion vornahmen.
Im Seminar wollen wir uns diese Bestimmungen vergegenwärtigen. Das Attribut „materialistisch“ soll nicht bloß als Etikette verwandt, sondern in einem Vortrag inhaltlich bestimmt werden. Durch den Rückbezug auf ältere Traditionen der materialistischen Religionskritik, etwa aus der französischen Aufklärung, wollen wir die Spezifik des Historischen Materialismus deutlicher hervortreten lassen. Daran schließt auf der Grundlage ausgewählter Schriften die Diskussion der religionskritischen Überlegungen Marx‘ und Engels‘ an.
Im zweiten Teil des Seminars wenden wir uns dem religiösen Bedürfnis und dem Formwandel der Religion zu. Nachdem Wissenschaft und Aufklärung den allgemeinen Geltungsanspruch der Religion zerstört hatten, der Heiligenschein beseitigt worden war, ohne das Jammertal abzuschaffen, fand sie ein Residuum in der Subjektivität. Dem zeitgenössischen Subjekt dient Religion nur mehr dazu, der eigenen Borniertheit höhere Weihen zu verleihen. Freuds und Adornos Beiträge zur Kritik des religiösen Bedürfnisses und der Privatreligionen werden in einem weiteren Vortrag dargestellt. Adornos Studien zum Aberglauben aus zweiter Hand sollen dann die Grundlage für die Diskussion der gegenwärtigen religiösen Illusionen bilden.

Das Seminar findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Jammertal und Heiligenschein. Perspektiven der Religionskritik“ des „Alternativen Vorlesungsverzeichnis Halle“ statt.

Leider gibt es keine freien Plätze mehr. Wir werden hier jedoch demnächst den Reader zum Download bereitstellen. Eventuell wird das Seminar im Laufe des Jahres noch einmal in der translib stattfinden.

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Bildausschnitt aus Dziga Vertov: Simfonija Dombassa (Entusiasm), UdSSR 1930.