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„Weihnachten wird nicht stattfinden“

Diskussion zu den Klassenauseinandersetzungen um die gelben Westen in Frankreich

17.12. 19:00  |  translib

Mitte November entzündete sich in Frankreich eine Bewegung in Protest gegen die von der Macron-Regierung angekündigte Steuererhöhung auf Diesel und Benzin. Im Unterschied zu den letzten Wellen von Kämpfen gegen die von der gegenwärtigen Regierung fortgesetzten Angriffe auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Lohnabhängigen, organisierten sich die „Gelben Westen“ unabhängig von Gewerkschaften und Parteien. Nicht der Arbeitsplatz und der Kampf um den Lohn, sondern die Zirkulationssphäre scheint der zentrale Ort der Auseinandersetzung zu sein: es geht gegen das „teure Leben“ und eine sinkende Kaufkraft. Das hauptsächliche Kampfmittel ist dementsprechend nicht der Streik, sondern Blockaden und militante Demonstrationen, die inzwischen regelmäßig in Plünderungen übergehen.

Die soziale Zusammensetzung der Bewegung hat einen besonderen geographischen Charakter: Ihren Ausgangspunkt nahm sie in der städtischen Peripherie, wo der Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln das Auto zum notwendigen Fortbewegungsmittel macht. In der Ablehnung der Dieselsteuer kam ein klassenübergreifender Unmut über die Reformpolitik der Regierung zum Ausdruck, welcher kleine Selbstständige und Ladenbesitzer ebenso erfasste wie ArbeiterInnen im privaten und öffentlichen Sektor. Die heterogene soziale Gemengelage drückt sich auch in ihren widersprüchlichen ideologischen und politischen Zielsetzungen aus. Neben der Forderung nach Rücknahme der Steuer traten bald weitere Forderungen wie die nach einer Erhöhung des Mindestlohns. Neben klassenkämpferischen Parolen sind nationalistische und rassistische Sprüche zu vernehmen. Zudem mischen Kader rechtsextremer Gruppen bei den Auseinandersetzungen mit. Mit der Ausweitung und Radikalisierug der Proteste zum Stichtag des „dritten Aktes“ der Gelben Westen in Paris am 1. Dezember wurden diese Kräfte anscheinend in den Hintergrund gedrängt. Auch am 8. Dezember wurden Mitglieder der rechtsradikalen Action française aus den Reihen der gelben Westen aktiv verdrängt. Es kam zu Vereinigungen der Gelben Westen mit streikenden ArbeiterInnen, mit ökologischen und feministischen Protesten sowie demonstrierenden SchülerInnen. Nach den schweren Auseinandersetzungen bei Demonstrationen am 1.Dezember hat die Regierung mittlerweile die geplante Steuer (vorläufig) zurückgezogen, jedoch offenbar ohne dadurch für Ruhe zu sorgen. Wie sich die Situation entwickeln wird, ist offen.

Doch bereits jetzt lässt sich sagen: in nur zwei Wochen scheint diese im ganzen Land agierende aufständische Bewegung mehr erreicht zu haben als die von Gewerkschaften und Studierenden getragenen sozialen Bewegungen der letzten Dekade, deren letzte siegreiche Erfahrung auf die Rücknahme des Ersteinstellungsvertrages (CPE) im Jahre 2006 zurückgeht. Der Protest gegen die neoliberale Reformwelle in Frankreich, ausgehend von Hollandes Arbeitsgesetz von 2016, über Macrons Exekutivverordnungen von 2017 bis hin zur Reform des staatlichen Eisenbahnunternehmens SNCF sowie des Schul- und Universitätswesens von 2018, nehmen eine neue Qualität an: Barrikaden, Brandsätze und Plünderungen in Paris; brennende Polizeipräfekturen und zerstörte Mautstellen in der Provinz. Seit Mai 68 hat man solche Szenen in den Pariser Straßen nicht nicht mehr vernommen und angesichts des Repressionsdispositiv vom 8. Dezember in Paris scheinen die Herrschenden diesen Eindruck zu teilen: 90000 Polizisten, 12 Räumpanzer und 1000 Verhaftungen in Paris. Der in den beaux quartiers des norwestlichen Paris verursachte ökonomische Schaden durch die Blockierung des vorweihnachtlichen Kaufrausches ist nicht zu unterschätzen und die Devise der Bewegung lautet nun: „Noel n’aura pas lieu“ (Weihnachten wird nicht stattfinden!). In jedem Falle scheint die für das Jahresende geplante Durchsetzung der Reform des Rentensystems und der Arbeitslosenversicherung unter den derzeitigen Bedingungen unmöglich. Unabhängig davon, welchen Fortgang die Bewegung erfahren wird, steckt die Macronregierung in einer Legitimationskrise, die virtuell seit Macrons Amtsantritt im Mai 2017 schon immer existierte, aber sich nun in einer neuen radikalen Form antagonistisch artikuliert. Die Krise Macrons ist die Krise eines autoritären neoliberalen Stils des Durchregierens, der den Zerfall der Formen der bürgerlichen Demokratie (Gewaltenteilung, Parlamentarismus, Klassenkompromisse) zu besiegeln scheint.

Wir wollen uns gemeinsam ein Bild über die gegenwärtige Lage verschaffen, ihre Vorgeschichte verstehen und mögliche Perspektiven diskutieren. Dazu wird es einen Input von GenossInnen aus Leipzig und Paris, u.a. von der Platforme d’enquêtes militantes, geben, die die Entwicklung der Bewegung nachzeichnen und sie theoretisch einzuordnen versuchen. Im Anschluss ist Raum für Austausch und Diskussion.

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Tagesseminar zu Alfred Sohn-Rethels „Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus“

► 08.12.18, 14:00-19:00 Uhr

Alfred Sohn-Rethel war ein marxistischer Ökonom und Philosoph. Er wurde 1899 in Paris geboren und studierte ab 1917 in Heidelberg Nationalökonomie und in Berlin Philosophie. In den 20er Jahren stand er im Austausch mit einigen Mitarbeitern des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. 1931 kam er – nachdem sein Versuch im akademischen Betrieb unterzukommen gescheitert war – zu einer Anstellung in der „Höhle des Löwen“, dem Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT). Der MWT war ein Interessensverband der führenden deutschen Industrieunternehmen und Banken und hat wie kein anderer zur Bündelung der Interessen des deutschen Großkapitals beigetragen. Durch seine Arbeit erhielt er Einsicht in die politischen Überlegungen und Strategien wichtiger Kapitalfraktionen in der Phase des Übergangs zum Faschismus. Die Beobachtungen und Analysen, die er über seine Tätigkeit anstellte, sind in „Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus“ festgehalten.

Sohn-Rethels Aufzeichnungen sind eine bemerkenswerte historische Quelle für das Verständnis der ökonomischen (Vor-)Bedingungen des deutschen Faschismus. Darin steht die Metamorphose der kleinbürgerlich-rebellischen faschistischen Bewegung zur staatstragenden Partei im Mittelpunkt seiner Betrachtung. In diesem Prozess bildete sich eine Allianz der faschistischen Bewegung mit Großkapital und Reichswehr heraus. Erst diese „Verlötung“ von Industrieinteressen und den politischen Ambitionen einer zunächst selbstständig entstandenen faschistischen Bewegung konnte die Gegensätzlichkeit zwischen politischen und ökonomischen Restaurationsbewegungen zugunsten einer politischen Ökonomie der nationalen Erneuerung auf faschistischer Linie überbrücken. Die „ökonomische Definition des Faschismus“ (Sohn-Rethel) bestehe dabei in der Entkopplung der kapitalistischen Produktion vom Markt und ihrer Reorganisation nach rein betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit.

Durch die terroristische Zerschlagung der Arbeiter*innenbewegung werde die innere und durch die Eroberung und Absicherung eines erweiterten Marktes die äußere Voraussetzung für eine neue Expansionsstrategie des deutschen Kapitals gelegt.

Obwohl über die ökonomische Faschismus-Analyse sicher zu streiten sein wird, sind Sohn-Rethels Aufzeichnungen und Anekdoten, die er als Mitarbeiter des MWT anlegen konnte, noch heute lesenswert. Im Angesicht des gegenwärtigen Aufstiegs der „Neuen Rechten“ vor dem Hintergrund chronischer Überakkumulation von Kapital und verschärfter Konkurrenz scheint Sohn-Rethels Analyse aktuell. Sie wirft die Frage auf, ob auch heute bestimmte Kapitalfraktionen ihr Heil in der faschistischen Krisenlösung suchen könnten. Um die zukünftige Entwicklung unter diesem Gesichtspunkt zu analysieren, können Sohn-Rethels Aufzeichnungen methodische Hinweise und Anregungen geben.

Im Tagesseminar werden wir „Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus“ diskutieren. Die Lektüre des Textes wird vorausgesetzt. Er ist abrufbar unter folgendem Link: https://archive.org/details/AlfredSohn-rethel-OekonomieUndKlassenstrukturDesDeutschenFaschismus/page/n11

Verbindliche Anmeldungen bitte durch Mail an diese Adresse: maulwuff9 (at) riseup.net

Die TeilnehmerInnenzahl ist auf 15 beschränkt. Bei der Anmeldung werden wir eine geschlechtliche Quotierung vornehmen.

Zu einer materialistischen Ästhetik der Literatur. Tagesseminar zur Expressionismusdebatte

► 24.11.18, 10:00-18:00 Uhr

In der bürgerlichen Ideologie konstituierte sich Kunst als relativ autonome und damit von den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen abgehobene Sphäre, die durch Unterhaltung und Genuss bestenfalls dem ernsten Leben Heiterkeit entgegenhalte (Schiller) und in „interesselosem Wohlgefallen“ des Betrachters resultiere (Kant). Mit dem Aufkommen der Avantgarden um 1900 begannen MarxistInnen und revolutionäre SchriftstellerInnen, der bürgerlichen Formel die von der Kunst als Waffe im Klassenkampf entgegenzustellen. Wiederholt wurde die Frage diskutiert, wie Kunst und Literatur diese Waffe sein können oder gar per se sind. Am Ende der Weimarer Republik kreisten diese Diskussionen im Rahmen des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ um die Frage, wie durch die Literatur ästhetisch-analytische Erkenntnisse über die prekäre Lebenswirklichkeit gefördert und eine proletarische Revolution damit ermöglicht werden könnte. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus und der umgreifenden Exilierung linker SchriftstellerInnen ab 1933 verschob sich der Fokus zunehmend auf die Beantwortung der Frage, wie bestimmte Strömungen der Literatur vom Faschismus vereinnahmt werden konnten, und welche Schlüsse daraus für die Konzeption einer progressiven Literatur zu ziehen sind. Zentral für diese Diskussion war die Anbiederung einiger Expressionisten an den Nationalsozialismus; besonders prominent dabei waren Gottfried Benn, der sich kurzerhand öffentlich zu Volk, Rasse, Führer und Faschismus bekannte, und Hanns Johst, der 1933 sein Stück „Schlageter“ an Hitlers Geburtstag uraufführen ließ und es ihm „in liebender Verehrung und unwandelbarer Treue“ widmete. Waren die Expressionisten zwei Jahrzehnte zuvor aufgetreten, um von der kommenden „Dämmerung der Menschheit“ zu künden, hatten sich einige zu Propheten ihrer Schlächter entwickelt. Den Grund dieser Wandlung bestimmen zu wollen, stand am Beginn dessen, was als Expressionismusdebatte bekannt wurde. Ausgelöst durch zwei Artikel von Klaus Mann und Alfred Kurella, dem späteren ersten Direktor des Instituts für Literatur in Leipzig (heute: DLL), in der in Moskau erschienenen Zeitschrift Das Wort, beteiligten sich an der Debatte zwischen 1937 und 1938 bürgerliche und marxistische LiteratInnen, KünstlerInnen und PhilosophInnen gleichermaßen. Ihren theoretischen Höhe-punkt erreichte die Debatte schließlich in der Auseinandersetzung zwischen Ernst Bloch, Bertolt Brecht und Georg Lukács. Dabei verschob sich die Diskussion zunehmend weg von ihrem Ausgangspunkt hin zu einer um materialistische Ästhetik, ihre Grundlagen und die Fra-ge nach fortschrittlicher Literatur. Geht es Lukács um die Abgrenzung von der abstrakten Opposition des Expressionismus zum Bürgertum und eine realistische Literatur, die den fetischistischen Schleier der Erscheinung der Gesellschaft durchblicken hilft, so sieht Bloch den Expressionismus gleich einer Axt in den Lücken des Wirklichkeitszusammenhangs ansetzen und sie „zerfällen“. Dass die Diskussion dabei so sehr von der historischen Situation bedingt war, wie sie in sie eingreifen wollte, kann nicht verhehlt werden. Dass sich ganz im Zeichen der Volksfrontpolitik, die jedoch de facto mit der Zersplitterung der demokratischen Front im spanischen Bürgerkrieg politisch passé war, bürgerliche und marxistische Diskutanten ein-brachten, zeugt von der geteilten unbedingten theoretischen Überzeugung, dass Literatur ei-nen wenn auch geistig vermittelten Einfluss auf gesellschaftliche Zustände ausübt.

In dem Tagesseminar wollen wir uns nach einem kurzen Input zum historischen Kontext der Debatte und ihren DisputantInnen anhand von Texten Gottfried Benns, Ernst Blochs, Bertolt Brechts und Georg Lukács‘ einen Begriff von einer möglichen materialistischen Ästhetik machen. Im Vorfeld wird ein Reader zur Verfügung gestellt, der zusätzlich noch weitere für die Debatte zentrale Texte enthält. Die Lektüre der zu diskutierenden Texte wird vorausgesetzt. Die TeilnehmerInnenzahl ist auf 18 beschränkt. Bei der Anmeldung werden wir eine geschlechtliche Quotierung vornehmen.
Anmeldungen an: translib [at] gmx.de

FreundKongress_blog

 

Im November und Dezember gibt es zwei Beiträge von uns in der Veranstaltungsreihe

It’s the End of the World as We Know It – zur ökologischen Krise und der Möglichkeit von Alternativen

Die Reihe wird organisiert und unterstützt von Naturfreundejugend Leipzig, Referat für Ökologie- StuRa Uni Leipzig und Referat Ökologie und Verkehr HTWK

Es folgen der Ankündigungstext der Reihe und die Informationen für die beiden Veranstaltungen:

Klimawandel, Dürre, Stürme, Vermüllung und Verödung, vom Bienensterben vor der Haustür bis zur Hungerkatastrophe ganz weit weg: Nicht nur die Errungenschaften der modernen Gesellschaften werden durch politische und immer mehr auch durch ökologische Krisen bedroht, sondern die menschliche Existenz insgesamt. Doch keine gesellschaftliche Krise kommt von Außen, denn folgen wir auch in Zukunft der gleichen irrationalen Logik des Kapitalismus wie in den letzten 200 Jahren, wird die ökologische Krise immer weiter verschärft. Soll eine bessere Zukunft für alle Menschen in einer freien Gesellschaft nicht schon durch die Zerstörung ihrer ’natürlichen‘ Grundlagen verunmöglicht werden, müssen die ökologische Krise und ihre Ursachen bereits in der Gegenwart bekämpft werden.
Die Proteste und Aktionen im Hambacher Forst waren ein lokaler Erfolg sozialer Bewegung, gleichzeitig sehen darin tausende Arbeiter_innen der Braunkohleindustrie ihre persönliche soziale Krise. Währenddessen schafft McDonalds Plastikstrohhalme ab und RWE wird der drittgrößte Ökostromanbieter Europas. Der Kapitalismus als Gesellschaftsverhältnis ist von Widersprüchen geprägt, die durch verschiedene Ansätze der Degrowth- und Postwachstums- sowie anderen sich als ökologisch verstehenden Bewegungen nicht immer thematisiert werden. Im Vordergrund steht oft eine Konsumkritik und Infragestellung von Wirtschaftswachstum. Zugrunde liegt kein einheitliches Theoriegebäude, sondern eine pluralistische, inhaltlich breite Bewegung bestehend aus verschiedenen, teils widersprüchlichen politischen Strömungen und Ideologien.
Warum werden aber die systematischen Analysen der ökologischen Krise und eine Kritik der gesellschaftlichen Ursachen bisher kaum wirkmächtig? Mit dieser Veranstaltungsreihe wollen wir der Frage nachgehen, wie sich diese Krise, ihre Ursachen und der Kampf dagegen theoretisch beschreiben und praktisch verändern lassen, bevor es zu spät ist.

1. Der Zug Richtung Abgrund. Kapitalismus und die Krise des Erdsystems (Translib). 19.11.2018 | 18:00 Uhr |Hörsaalgebäude Uni Leipzig, Hörsaal 12

Die Hitzewelle dieses Sommers, die in vielen Regionen zu gewaltigen Ernteeinbußen und verheerenden Waldbränden führte, hat einmal mehr die zerstörerischen Auswirkungen der Erderwärmung verdeutlicht. Über die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels herrscht seit Jahrzehnten weitgehende Klarheit. Dieses Wissen konnte den Zug Richtung Abgrund jedoch nicht stoppen. Das ist kein Zufall: das Kapital kennt keine Grenzen, sondern nur zu überwindende Schranken. Eine Umkehr ist weder durch die „Kräfte des Marktes“ noch durch die staatliche Politik zu erwarten. Der Vortrag handelt von der Krise des Erdsystems, ihren gesellschaftlichen Ursachen und dem notwendigen Griff nach der Notbremse.

2. Podiumsdiskussion: Die ökologische Krise und die Möglichkeit von Alternativen. 20.12.2018 | 18:00 Uhr | Hörsaalgebäude der Uni Leipzig, Hörsaal 12

Die etablierten und am weitesten verbreiteten Ansätze zur Bewältigung der ökologischen Krise, haben theoretische Leer- und Fehlstellen und greifen damit auch in der Praxis zu kurz. Welche theoretische Kritik mit einer materialistischen Perspektiven, ist diversen Ansätzen von Solidarischer Landwirtschaft über Degrowth bis zum Lesekreis entgegenzubringen? Welche Formen von verschiedenen Praxen können den Inhalten dieser Kritiken gerecht werden? Es diskutieren: Johannes Hauer (translib, Communistisches Labor), Ulrich Schuster, Frederike Habermann (Commons und Care-Ökonomie), vegu (Verein für Ernährungssouveränität und gesellschaftliche Utopie (angefragt)), u.a.

romantik

1818 – 2018

Zur materialistischen Theorie des Antisemitismus
Tagesseminar zur Diskussion der ‚Elemente des Antisemitismus‘ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer

Samstag, 20. Oktober 2018 | 10-18 Uhr | @translib

*Mit Anmeldung, siehe unten*

„Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert.“

In ihrem Text ‚Elemente des Antisemitismus‘ analysieren Adorno und Horkheimer die Beschaffenheit des antisemitischen Vernichtungswillens und dessen gesellschaftlichen Grundlagen. Er ist als Teil der ‚Dialektik der Aufklärung‘ erstmals 1947 erschienen und steht in enger Beziehung zu den in den USA durchgeführten empirischen ‚Studies in Prejudice‘, an denen Adorno und Horkheimer beteiligt gewesen sind.
Die beiden Autoren charakterisieren die Elemente als Entwurf einer „philosophischen Urgeschichte des Antisemitismus“. Ihre zentrale These ist, dass die Aufklärung im Dienste der instrumentellen Vernunft auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise notwendig in die Barbarei des Antisemitismus umschlägt.
Mittels der sozialphilosophischen Reflexion bemühen sie sich darum, die Elemente des Antisemitismus zu bestimmen: Das Verhältnis vom religiösen Judenhass zum modernen Antisemitismus vor dem Hintergrund des Bedeutungsverlusts der Religion in der aufgeklärten Welt. Das ökonomische Element, die „Verkleidung der Herrschaft in Produktion“, die den Beherrschten die Zirkulation als das Übel erscheinen lässt, gegen deren mit den Juden identifizierten Agenten sich ihr Hass richtet. Das psychosexuelle Element, die Beherrschung der inneren Natur als Grundlage des Hasses, der sich gegen diejenigen richtet, die sich dieser Beherrschung zu entziehen scheinen. Für die psychoanalytisch fundierte Analyse der Sozialpsychologie des Antisemitismus ist der Begriff der „pathischen Projektion“ zentral, dem wir im Seminar besondere Aufmerksamkeit widmen.

Die Lektüre des Textes ist Voraussetzung für die Teilnahme am Seminar. Im Seminar werden die einzelnen Kapitel (I bis VII) in Referaten vorgestellt und dann diskutiert.

Als Textgrundlage verwenden wir: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften Band 5, Frankfurt/M: Fischer, 1987, S. 195-238.
Die Fassung unterscheidet sich von anderen dadurch, dass die Unterschiede zwischen den Fassungen von 1944, 1947 und 1969 angezeigt werden. Auf Wunsch stellen wir die Textgrundlage bereit; bitte bei der Anmeldung vermerken.

Anmeldungen an: translib [at] gmx.de

Die Teilnehmerzahl ist auf 18 beschränkt. Bei der Anmeldung werden wir eine geschlechtliche Quotierung vornehmen.

over-the-town-1918.jpg!LargeMarc Chagall: Über der Stadt. 1918.

Start des Lektürekurses „Das Kapital. Band 2: Der Zirkulationsprozess des Kapitals“ in der translib

Einladung zum ersten Treffen am 12. Oktober 2018 um 18:30 Uhr in der translib.

Nachdem der „Kapital“-Lesekreis der translib die Lektüre des ersten Bandes abgeschlossen hat, soll daran anschließend gemeinsam der zweite Band gelesen werden. Marx hatte im ersten Band des „Kapitals“ den Produktionsprozess des Kapitals isoliert für sich, d.h. als unmittelbaren Produktionsprozess untersucht, in dem der Mehrwert produziert wird. Nachdem das Kapital diese Phase des Produktionsprozesses durchlaufen hat, muss der Mehrwert allerdings auch noch im Austausch realisiert werden, womit sich die Phase des Zirkulationsprozesses ergibt. Der Kreislauf des Kapitals bildet also, insgesamt betrachtet, die Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess. Im Anschluss an die Darstellung des unmittelbaren Produktionsprozesses im ersten Band besteht der Gegenstand des zweiten Bandes des „Kapitals“ dementsprechend in dem Zirkulationsprozess, wobei Marx die Zirkulation lediglich hinsichtlich der von ihr erzeugten Formbestimmungen des Kapitals betrachtet. Daher setzt er sich zunächst mit den verschiedenen Kreisläufen der einzelnen Kapitale auseinander, die sich im Zirkulationsprozess aufeinander beziehen, um anschließend den Umschlag des Kapitals und schließlich die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals zu untersuchen, zu dem sich die Kreisläufe der Einzelkapitale verschlingen.

Der zweite Band wurde in der Rezeptionsgeschichte des „Kapitals“ allgemein recht stiefmütterlich behandelt, da er gegenüber den anderen Bänden als schwerverständlich oder gar vernachlässigbar galt. Falls er überhaupt rezipiert wurde, so oft oberflächlich, verflacht und falsch. Dies zeigt sich etwa an der Auffassung des Sozialdemokraten Eduard Bernstein, dass dieser Band die Buchhaltung des Kapitalisten behandeln würde. Für die theoretische Diskussion um das „Kapital“ spielte der zweite Band allerdings hinsichtlich der sogenannten „Reproduktionsschemata“ und damit zusammenhängend der Frage nach einer Theorie der kapitalistischen Krise eine entscheidende Rolle. Zu nennen sind hier neben Rosa Luxemburgs Interpretation der Reproduktionsschemata und Marxschen Akkumulationstheorie vor allem Tugan-Baranowskis proportionalitätstheorische Auffassung, die realisierungstheoretische Interpretation von Lenin, die Gleichgewichtstheorien der als sogenannte „Neoharmoniker“ bezeichneten Autoren Rudolf Hilferding und Otto Bauer sowie die Zusammenbruchstheorie von Henryk Grossmann. Die gemeinsame Lektüre des zweiten Bandes des „Kapitals“ bietet die Möglichkeit, diese verschiedenen Interpretationen am Originaltext des Marxschen Werkes selbst kritisch zu überprüfen.

Politische und ideologiekritische Relevanz erhält der zweite Bandes des „Kapitals“ nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Varianten eines kleinbürgerlich bornierten Antikapitalismus, der lediglich auf die Zirkulationssphäre des Kapitals fixiert ist und in seiner Kritik häufig personalisierend verfährt, indem bestimmte Funktionsträger der kapitalistischen Produktionsweise wie etwa Geldkapitalisten dämonisiert werden. Diese oft fälschlicherweise als „verkürzt“ bezeichnete Kapitalismuskritik, die dem fetischistischen Schein des zirkulierenden Kapitals aufsitzt, hat insbesondere seit der Weltwirtschaftskrise 2008ff. wieder an Konjunktur gewonnen. Bereits im ersten Band hatte Marx bei der Betrachtung von Ware und Geld als den einfachsten Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise den Fetischismus durchdrungen, der diesen Formen anhaftet. Im zweiten Band zeigt er nun, wie sich dieser Fetischcharakter der kapitalistischen Reichtumsformen im Zirkulationsprozess befestigt, wodurch es so scheint, als ob der Mehrwert nicht nur in der Zirkulation realisiert, sondern auch erzeugt werden würde. Die Lektüre des zweiten Bandes bildet daher ein wichtiges ideologiekritisches Antidot gegen den Kapitalfetisch und erschließt die ökonomiekritische Grundlage für eine politische Kritik der von Marx als „kleinbürgerlich“ und „konservativ“ charakterisierten Spielarten des Sozialismus. Vor allem aber ist die Betrachtung der verschiedenen Kreislaufformen, die das Kapital in der Zirkulation annimmt, die notwendige Voraussetzung, um die von Marx im dritten Band dargestellte Verdoppelung des industriellen Kapitals in produktives Kapital und die Formen des kommerziellen Kapitals sowie des zinstragenden Kapital zu verstehen. Erst dadurch lässt sich auch die sogenannte „trinitarische Formel“, die von Marx ebenfalls im dritten Band dargestellt wird, als vollendeter Gipfelpunkt der Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise begreifen. Der zweite Band des „Kapitals“ erweist sich also darstellungsmethodisch als unabdingbares Vermittlungsglied, um die Gestaltungen des Kapitals an der Oberfläche de kapitalistischen Produktionsweise nachzuvollziehen, die Marx im dritten Band betrachtet.

Zur Vorbereitung und ersten gemeinsamen Lektüre des zweiten Bandes des „Kapitals“ wollen wir uns am 12. Oktober 2018 in der translib treffen. Dabei soll zunächst ein kurzer Überblick über die Architektonik der drei Bände des „Kapitals“ und die Struktur des ersten Bandes gegeben werden, um diesen Band zu rekapitulieren und zugleich den Einstieg in den zweiten Band zu erleichtern. Die Lektüre des zweiten Bandes des „Kapitals“ soll keinem vorab festgelegten Lektüreplan folgen, sondern sich an den Bedürfnissen der Teilnehmer*innen ausrichten. Die Treffen finden in einem zweiwöchigen Turnus freitags um 18.30 Uhr in der translib statt. Neueinsteiger*innen sind jederzeit herzlich willkommen, unabhängig davon, ob sie den ersten Band bereits gelesen haben oder nicht.

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Der Zug Richtung Abgrund.

Kapitalismus und Krise des Erdsystems

Samstag, 13. Oktober 2018 | 19:00 Uhr | @translib

Die Hitzewelle dieses Sommers, die in vielen Regionen zu gewaltigen Ernteeinbußen und verheerenden Waldbränden führte, hat einmal mehr die zerstörerischen Auswirkungen der Erderwärmung verdeutlicht.
Anfang August veröffentlichten einige führende Forscher einen Bericht, der vor der Gefahr einer fundamentalen Destabilisierung des Klimas noch vor der Überschreitung der im Pariser Klimaabkommen
festgelegten 2°C-Grenze warnt und sofortige Schritte zur Reduktion der CO2-Emissionen anmahnt. Über die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels herrscht seit Jahrzehnten weitgehende Klarheit. Diese Einsicht hat jedoch herzlich wenig dazu beigetragen den Zug Richtung Abgrund zu stoppen. Der Klimawandel ist dabei nur ein Moment eines umfassenderen Bruchs im Stoffwechsel der Menschen mit der Natur, der durch die kapitalistische Produktionsweise verursacht wurde. Da das Kapital keine Grenzen, sondern nur zu überwindende Schranken kennt, vertieft es diesen Bruch und zieht aus den hinterlassenen Verwüstungen noch einen Profit. Dagegen bedroht diese Entwicklung die Lebensbedingungen vieler Proletarisierter und Kleinbauern auf existenzielle Weise.
Eine Umkehr ist dabei weder durch die „Kräfte des Marktes“ noch durch die staatliche Politik zu erwarten. Der Vortrag handelt von der Krise des Erdsystems, ihren gesellschaftlichen Ursachen und dem notwendigen Griff nach der Notbremse.

Wir danken dem Referat für Ökologie des Student_innenRat der Universität Leipzig für die Unterstützung der Veranstaltung.

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Bitte beachtet in diesem Zusammenhang auch die Veranstaltung zur Kritik der Postwachstums-Ideologie am 29. Oktober 2018 in Erfurt. Organisiert von den Falken Erfurt, mit einem Referenten von der translib.

dürre dreisamDie Dreisam bei March (Baden), Sommer 2018