Tagesseminar zu einer materialistischen Ästhetik der Literatur

Zu einer materialistischen Ästhetik der Literatur. Tagesseminar zur Expressionismusdebatte

► 24.11.18, 10:00-18:00 Uhr

In der bürgerlichen Ideologie konstituierte sich Kunst als relativ autonome und damit von den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen abgehobene Sphäre, die durch Unterhaltung und Genuss bestenfalls dem ernsten Leben Heiterkeit entgegenhalte (Schiller) und in „interesselosem Wohlgefallen“ des Betrachters resultiere (Kant). Mit dem Aufkommen der Avantgarden um 1900 begannen MarxistInnen und revolutionäre SchriftstellerInnen, der bürgerlichen Formel die von der Kunst als Waffe im Klassenkampf entgegenzustellen. Wiederholt wurde die Frage diskutiert, wie Kunst und Literatur diese Waffe sein können oder gar per se sind. Am Ende der Weimarer Republik kreisten diese Diskussionen im Rahmen des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ um die Frage, wie durch die Literatur ästhetisch-analytische Erkenntnisse über die prekäre Lebenswirklichkeit gefördert und eine proletarische Revolution damit ermöglicht werden könnte. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus und der umgreifenden Exilierung linker SchriftstellerInnen ab 1933 verschob sich der Fokus zunehmend auf die Beantwortung der Frage, wie bestimmte Strömungen der Literatur vom Faschismus vereinnahmt werden konnten, und welche Schlüsse daraus für die Konzeption einer progressiven Literatur zu ziehen sind. Zentral für diese Diskussion war die Anbiederung einiger Expressionisten an den Nationalsozialismus; besonders prominent dabei waren Gottfried Benn, der sich kurzerhand öffentlich zu Volk, Rasse, Führer und Faschismus bekannte, und Hanns Johst, der 1933 sein Stück „Schlageter“ an Hitlers Geburtstag uraufführen ließ und es ihm „in liebender Verehrung und unwandelbarer Treue“ widmete. Waren die Expressionisten zwei Jahrzehnte zuvor aufgetreten, um von der kommenden „Dämmerung der Menschheit“ zu künden, hatten sich einige zu Propheten ihrer Schlächter entwickelt. Den Grund dieser Wandlung bestimmen zu wollen, stand am Beginn dessen, was als Expressionismusdebatte bekannt wurde. Ausgelöst durch zwei Artikel von Klaus Mann und Alfred Kurella, dem späteren ersten Direktor des Instituts für Literatur in Leipzig (heute: DLL), in der in Moskau erschienenen Zeitschrift Das Wort, beteiligten sich an der Debatte zwischen 1937 und 1938 bürgerliche und marxistische LiteratInnen, KünstlerInnen und PhilosophInnen gleichermaßen. Ihren theoretischen Höhe-punkt erreichte die Debatte schließlich in der Auseinandersetzung zwischen Ernst Bloch, Bertolt Brecht und Georg Lukács. Dabei verschob sich die Diskussion zunehmend weg von ihrem Ausgangspunkt hin zu einer um materialistische Ästhetik, ihre Grundlagen und die Fra-ge nach fortschrittlicher Literatur. Geht es Lukács um die Abgrenzung von der abstrakten Opposition des Expressionismus zum Bürgertum und eine realistische Literatur, die den fetischistischen Schleier der Erscheinung der Gesellschaft durchblicken hilft, so sieht Bloch den Expressionismus gleich einer Axt in den Lücken des Wirklichkeitszusammenhangs ansetzen und sie „zerfällen“. Dass die Diskussion dabei so sehr von der historischen Situation bedingt war, wie sie in sie eingreifen wollte, kann nicht verhehlt werden. Dass sich ganz im Zeichen der Volksfrontpolitik, die jedoch de facto mit der Zersplitterung der demokratischen Front im spanischen Bürgerkrieg politisch passé war, bürgerliche und marxistische Diskutanten ein-brachten, zeugt von der geteilten unbedingten theoretischen Überzeugung, dass Literatur ei-nen wenn auch geistig vermittelten Einfluss auf gesellschaftliche Zustände ausübt.

In dem Tagesseminar wollen wir uns nach einem kurzen Input zum historischen Kontext der Debatte und ihren DisputantInnen anhand von Texten Gottfried Benns, Ernst Blochs, Bertolt Brechts und Georg Lukács‘ einen Begriff von einer möglichen materialistischen Ästhetik machen. Im Vorfeld wird ein Reader zur Verfügung gestellt, der zusätzlich noch weitere für die Debatte zentrale Texte enthält. Die Lektüre der zu diskutierenden Texte wird vorausgesetzt. Die TeilnehmerInnenzahl ist auf 18 beschränkt. Bei der Anmeldung werden wir eine geschlechtliche Quotierung vornehmen.
Anmeldungen an: translib [at] gmx.de

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