Aufruf zur Schrumpfung der Degrowth-Konferenz

gartenzwergparadeIn den letzten Monaten hat sich in der translib hin und wieder ein loses Grüppchen unersättlicher Zeitgenossinnen zusammen gefunden, um sich über die kommende Woche in Leipzig stattfindende „Degrowth“-Konferenz zu verständigen. Dass dem Scheinreichtum des vermehrten Überlebens in dieser Gesellschaft ausgerechnet durch ein Programm der universellen „Schrumpfung“ beizukommen sei, halten sie für einen erbärmlichen Einfall. Auch dass die Zerstörung des Planeten ohne Zerstörung des Kapitalverhältnisses aufzuhalten sei, wollen sie sich nicht weismachen lassen.
Sie rufen daher im Namen einer ominösen Interessengemeinschaft Robotercommunismus zur Schrumpfung der Schrumpf-Konferenz auf. Negation der Negation! Im Übrigen gelobt die Interessengemeinschaft in Bälde einige Überlegungen zum Begriff des Wachstums, gesellschaftlichen Naturverhältnissen und dem Verhältnis von Ökologie und Kommunismus zu Papier zu bringen und somit ihrer polemischen Intervention eine theoretische Kritik zur Seite zu stellen.

Aufruf zur Schrumpfung der Degrowth-Konferenz

An den Vorbereitungskreis
und alle anderen Klein- und Bescheidenheitsgeister!

Ihr wollt Wachstumskritiker sein, ihr wollt die Schrumpfung? Das können wir euch kaum glauben, denn eure Konferenz wächst und wächst und ihr seid sogar stolz darauf. Warum immer mehr Referentinnen, mehr Work-shops, mehr Kooperationspartnerinnen, mehr Teilnehmer, mehr Spektakel? Glaubt ihr etwa, eine Unmenge Aktionen und kleinkünstlerischer Gesinnungskitsch kann die gähnende geistige Leere kaschieren, die eure „Wachstumskritik“ kennzeichnet? Wir verraten euch im Voraus: das wird euch nicht gelingen. Aber wahrscheinlich kommt euch die trübe Unbestimmtheit des „Wachstums“, gegen das ihr kämpft wie Don Quichotte gegen Windmühlen, gerade recht. Denn nur wenn es immer schön vage bleibt kann sich jeder ungefähr das darunter vorstellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint. Ihr macht das schon richtig: intellektuelle Konfusion ist der key to success für eine Bewegung, die sich um jeden Preis aufblähen will.

Man schaue sich nur an, wer sich bei euch alles tummelt. Da gibt es zunächst die radelnden Professorinnen für allgemeines und vergleichendes Asketentum, allen voran im gelben Trikot aus vierter Hand: Niko Paech. Daneben posiert eine Riege aalglatter Realos mit Juteaktenkoffern, die es kaum erwarten kann, bei den Umweltverbänden oder in irgendeiner Ecobusiness-AG „Verantwortung zu übernehmen“. Um sie herum schwirrt ein Schwarm bienenfleißiger Idealisten, die mit ganzem Herz und ohne Verstand bei der Sache sind. Es sind Umwelt- und Sonstwiebewegte, die zwar nicht so genau sagen können, was sich wohin bewegen soll, es aber auf jeden Fall unglaublich toll finden, dass sich jetzt endlich mal was bewegt! Die Menschen sind großartig und von überall her, die Ideen sind super spannend, die Themen total wichtig, und es ist halt einfach ein starkes Gefühl, Gutes zu tun und die Welt ein bisschen besser zu machen!
Ihr werdet euch noch wundern, was passiert, wenn die Realos ihren vielleicht entschleunigten, aber nicht weniger zielstrebigen Marsch durch die Institutionen antreten. Sie werden im Nu euer Postwachstumsprogramm zurecht schrumpfen, auf dass es sich noch besser in die kapitalistischen Sachzwänge füge. Nicht vergessen darf man in eurem Riesendurcheinander die „Apokalypse-Jetzt!“-Ökofaschistinnen und Esospinner – ohne die geht es in Deutschland eben traditionell nicht ab, wenn man sich die Sorge um die liebe Natur aufs Banner schreibt. Angesichts dieser gewachsenen Traditionen verlässt euch offenbar euer Schrumpfungsmut. Alles in allem wirkt ihr so, als wolltet ihr die Grünen noch einmal gründen. Nichts gelernt und alles vergessen!

Oberflächlich betrachtet, man schaue sich nur euer monströses Konferenzprogramm an, wirkt es, als wolltet ihr eine Menge. Eine Vielzahl von Dingen, die gleichermaßen auf Herz und Gewissen zielen, wie Suffizienz, Zeitwohlstand und Buen vivir. Tatsächlich wollt ihr aber etwas sehr bescheidenes, was sich hinter der riesenhaften Wirrnis eurer ideologischen Versatzstücke zwergenhaft ausnimmt, nämlich die „Gesundschrumpfung“ des Kapitalismus, wie es bei euren Keynesattachés Passadakis und Schmelzer heißt. Bereits an eurer Sprache soll man euch erkennen: der gute alte Kapitalismus ist euch reine Natur, deren Hege und Pflege ihr euch als echte Naturschützer selbstverständlich gerne annehmt. Und so träumt ihr den alten reformistischen Traum einer „natürlichen Wirtschaftsordnung“, eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz: nämlich eurem, da ihr ja schon jetzt mit dem unbedingten Willen zum guten Gewissen die Avantgarde der moralisch zertifizierten Renovierung der Klassengesellschaft bildet.

Wir wissen, dass ihr euch über euren ökologischen Fußabdruck den Kopf zerbrecht, doch anscheinend nicht genug, sonst hättet ihr eingesehen, dass für eure Konferenz jeder Fußabdrucksquadratmillimeter einer zu viel ist. Eure wachstumskritische Konferenz scheint euch über den Kopf zu wachsen, was uns zu Wachstumskritikerinnen werden lässt. Als solche fordern wir euch auf: Befreit euch von der Sklaverei des Wachstumsdenkens! Arbeitet an euren „mentalen Infrastrukturen“! Geht in euch und macht die Welt ein bisschen besser! Seid konsequent und fangt bei euch selbst an! Befreit euch von überflüssigem Tand: Schrumpft eure Konferenz!

Interessengemeinschaft Robotercommunismus

-> Aufruf als PDF

-> Kopiervorlage für Hyperaktive

english version coming soon.

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8 Kommentare
  1. Es muss sich was ändern, aber es darf nichts passieren. Ein Gähnen und Pfeifen im Walde. Viel Freude beim Verfassen der theoretischen Kritik zur polemischen Intervention. Dann lauft ihr wenigstens nicht Gefahr den Leuten auf den Füssen zu stehen, die etwas machen, auch wenn da bisweilen eine zu voll gestopfte Konferenz bei rausspringt.

  2. Dave sagte:

    Wo kommt dieser Hass her? Euer Text ist fürchterlich. Polemik ist ja manchmal schön zu lesen, aber diese nicht.

    Auf der Konferenz kommt durchaus auch die Kapitalismuskritik zu Wort (wobei das Totschlagargument „Ihr nennt die Überwindung des Kapitalismus nicht als erstes Ziel, deshalb ist Euer Weg falsch“ nervt und einfach nur dumm ist). Und die Teilnehmenden machen sich sicher mehr Gedanken, als nur irgendwie „bewegt“ zu sein.

    Und das was Ihr offenbar kritisiert, was in der jw als „Ökologisierung des Kapitalismus“ bezeichnet wird (http://www.jungewelt.de/2014/09-01/007.php), wollen eben viele (alle?) Degrowth-ler/-innen auch nicht. Lest doch mal den Artikel; der beschreibt das, was Euch so auf die Palme treibt, auf sachlichere, angenehmere Art.

  3. Christian sagte:

    Polemik naja, ich schließe mich da den anderen beiden Kommentaren an.

    Bin gespannt, was eure theoretische Fundierung so alles zu Tage fördern wird – zumal für den Fall, dass sie sich nicht mit irgendwelchen Strohmännern sondern den tatsächlichen Inhalten der Degrowth auseinandersetzen wird.
    Ich habe schon eine Vorstellung davon. Wir sollen das Kapitalverhältnis aufheben. Freie Arbeit überwinden, Produktionsmittel vergesellschaften, die Produktion nicht über den Wert sondern politisch steuern lassen. Kooperation statt Zwangsgesetze der Konkurrenz und überhaupt, diesen verdammten Nebelschleier von den kapitalistischen Formen heben.

    Aber wenn ihr mal so drüber nachdenkt – was anderes steckt eigentlich hinter den Forderungen nach bedingungslosem Grundeinkommen (freie Arbeit), gemeingüterbasierter Produktion (Vergesellschaftung), Gift economy (Überwindung von Tausch/Wertgesetz), konvivialer Technologie (Schluss mit der reellen Subsumption und entfremdeter Arbeit/ ursprüngliche Akkumulation rückgängig machen) usw.?
    „Jede nach ihren Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“
    Ach ja, alles Forderungen der Degrowth.

    „Ohne Verstand“ argumentiert Degrowth nicht. Im Gegensatz zu manch anderen ist Degrowth aber eine offene intellektuelle Bewegung, die alternative Meinungen respektiert und gewinnbringend zu verstehen und integrieren versucht, anstatt gegen sie zu polemisieren. Sie hat damit das kapitalistische (Konkurrenz-)Bewusstsein zumindest auf der kommunikativen Ebene aufgehoben. Dabei können auch mal widersprüchliche Positionen, ganz dialektisch, nebeneinander aufgereiht werden und das Ganze vage bleiben.

    Da habt ihr aber den Grund warum die Linke „in Scherben“ liegt: Weil einige ihrer Vertreter*innen es schön kapitalistisch vorziehen, sich im eigenen Alleinvertretungsanspruch zu suhlen und potentielle Verbündete zu beleidigen, statt Gemeinsamkeiten zu suchen und eine wirkliche Bewegung zu werden, welche den jetzigen Zustand aufhebt.

    Die Degrowthbewegung wird wohl mit den Widersprüchen der kapitalistischen Produktion weiter wachsen. Kapitalismuskritisch war sie dabei von Anfang an, nur nicht immer so wie ihr das wollt. Marxistische Ideen hat sie in Teilen schon längst angenommen (wenn auch nicht die Terminologie) und wird es auch weiter tun. Aus eurer Sicht vielleicht nicht genug. Dann ist notwendig, dass es Marxist*innen gibt, die diese Ideen respektvoll und konstruktiv (!) vortragen und einbringen können. Nur so können sie überzeugend sein. Hier seid ihr gefordert. lasst was hören

  4. Josefine sagte:

    Bei der degrowth-Konferenz gab es jeden der vier Tage ab 17 Uhr einen Open Space, in der jede/r eigene Veranstaltungen anmelden konnte. Ich habe Positionen wie eure auf der Konferenz vermisst, auch konkrete Erfahrungen von radikalen Widerstandsbewegungen und ich bin sehr enttäuscht, dass ihr die Chance nicht genutzt habt, das zur Diskussion zu stellen, sondern euch im Elfenbeinschlösschen der kollektiven trotzigen Verweigerung gemütlich einrichtet.
    Auch die Perspektiven vom refugee struggle haben auf der Konferenz gefehlt, das haben wir verpasst, ganz klar.

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