27.03.2014 | 19.00 Uhr – Vorbereitungstreffen für einen Lesekreis zum Spätwerk von Georg Lukács

Das bis heute wahrscheinlich bekannteste Werk von Georg Lukács (1885-1971) ist die 1923 erschienene Aufsatzsammlung „Geschichte und Klassenbewusstsein“, die zu Recht als „foundation text“ des westlichen Marxismus und verschiedener neomarxistischer Ableger bezeichnet wurde. Für Lukács selbst markierte dieses Werk nur eine frühe Etappe auf seinem „Weg zu Marx“, die er später hinter sich gelassen und für überwunden erklärt hat. Sein Verständnis der „marxistischen Dialektik“ war zu dieser Zeit noch vielfach von verschiedenen akademischen Theorien geprägt und überlagert, die seinen früheren intellektuellen Werdegang bestimmt haben, bevor er sich zu einem wissenschaftlich-kommunistischen Theoretiker entwickelte. Es gibt umfangreiche Arbeiten darüber, welchen Einfluss etwa die Soziologie Max Webers und Georg Simmels oder die Philosophie des Neukantianismus auf „Geschichte und Klassenbewusstsein“ hatten. In einem Vorwort von 1967 kritisierte Lukács ausführlich diese frühe Arbeit und bemängelte vor allem die Reduktion der Marxschen Theorie auf eine Gesellschaftslehre und die Ausklammerung der Natur, was zur schwerwiegenden Folge hatte, dass die Arbeit als Zentralkategorie des gesellschaftlichen Seins und Vermittlerin des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur unter den Tisch fiel. Zu erklären sind diese Mängel, die eine idealistische Schieflage nach sich ziehen, u.A. dadurch, dass in den 20er Jahren ein so wichtiger Text von Marx wie die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte von 1844 noch nicht vorlag. Diese Arbeit, und besonders die darin enthaltene Kritik der Philosophie Hegels, rezipierte Lukács erstmals 1930 als Mitarbeiter des Marx-Engels-Instituts in Moskau, was auf ihn, nach seinen eigenen Worten, einen „umwälzenden Eindruck“ machte und ihn in einen „begeisterten Rausch des Neuanfangens“ versetzte. Alle seine wichtigen Arbeiten, die danach erschienen, wie etwa „Der junge Hegel“ (1948), „Die Zerstörung der Vernunft“ (1954), „Die Eigenart des Ästhetischen“ (1963) oder „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ (postum erstmals vollständig 1984 auf deutsch erschienen) sind von diesem Eindruck geprägt und auf ein „Zurück zu Marx“ und eine „Renaissance des Marxismus“ (bzw. des Marxschen Theorie-Typus) gerichtet, sowohl gegen seine entstellende Revision im Westen, als auch gegen den stalinistischen Dogmatismus im Osten. Im Verhältnis zu der Aufmerksamkeit, die auch heute noch sein frühes Werk genießt, werden seine späteren Arbeiten nur wenig beachtet und insbesondere „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“, der bisher vielleicht bedeutsamste Versuch, die philosophischen Grundlagen der Marxschen Theorie nachzuzeichnen und als Lukács‘ eigentliches Hauptwerk zugleich die Summe seines ganzen Lebenswerks, kaum gewürdigt.

Auf dem Vorbereitungstreffen wollen wir klären, an welchen Texten von Lukács ein Interesse besteht, dass sie kollektiv gelesen und diskutiert werden, und wie die Lektüre aufgebaut sein und ablaufen soll.

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