Freitag, 05. August 2022 | 20 Uhr | @translib, Goetzstraße 7

Der laute Frühling
(BRD, 2022, 62 min, labournet.tv)

In der Klimabewegung setzt sich zwar mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass Kapitalismus und Klimaschutz unvereinbar sind, es fehlt aber eine konkrete politische Vorstellung davon, wie wir einen Systemwandel herbeiführen können. „Der laute Frühling“ skizziert, wie wir den Kapitalismus loswerden und wie die tiefgreifende Veränderung, die wir brauchen, aussehen könnte.

Mit im Film: Andreas Malm, Julia Steinberger, Esteban Servat, Matthias Schmelzer, Aktivist*innen von Ende Gelände, FridaysForFuture, XR, AngryWorkers, organsierten Amazonarbeiterinnen der IP Gewerkschaft, Omas gegen Rechts und dem Nationalen Indigenenkongress in Mexiko.

Wir zeigen den Film in Anwesenheit der Regisseurin Johanna Schellhagen. Anschließend gibt es die Möglichkeit zum Gespräch.

Bitte tragt eine Maske während der Veranstaltung.

Spendenempfehlung: 2-5 €

Eine gemeinsame Veranstaltung der translib und der Buchhandlung drift, die mit einem thematisch passenden Büchertisch vertreten sein wird.

Keine Success Story: internationale Klimaverhandlungen

Als Russland den Krieg gegen die Ukraine, der bereits seit 2014 im Osten des Landes geführt wird, Ende Februar plötzlich auf das ganze Land ausweitete, waren viele überrascht. Zwar war seit dem Frühjahr 2021 vor einer zunehmenden Kriegsgefahr gewarnt worden, doch wurde eine Eskalation des Krieges von vielen Seiten als zu risikoreich für Russland eingeschätzt. Nach einem schnellen Vorstoß musste sich die russische Armee aus der Gegend rund um Kiew zurückziehen. Seitdem konzentriert sich das Geschehen auf die Donbass-Region im Osten der Ukraine, wo der Krieg täglich hunderte von Soldat*innen und Zivilist*innen in den Tod reißt.


Der Krieg erhält nicht nur aufgrund der geografischen Nähe erhöhte Aufmerksamkeit. Da er im Zusammenhang mit der Osterweiterung von NATO und EU steht, könnte sich der Krieg auch zu einer direkten Konfrontation zwischen „dem Westen“ und Russland fortentwickeln. Dies würde vermutlich einen neuen Weltkrieg bedeuten, womit die Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen plötzlich in greifbarer Nähe scheint. Die Konsequenzen für die Weltwirtschaft sind überdies enorm: Waren die internationalen Lieferketten bereits durch die Corona-Pandemie strapaziert, werden sie nun erneut gestört.
Hinzu kommt eine Steigerung der Energiepreise. Die hohen Kosten für Lebensmittel und andere Güter, die beides zur Folge hat, bewirkt letztlich auch hierzulande eine deutliche Absenkung des Lebensstandards der Lohnabhängigen. 9 €-Ticket und Energiegeld machen da kaum noch einen Unterschied. Es ist davon auszugehen, dass die gestiegenen Lebenshaltungskosten vor dem Hintergrund leerer Staatskassen soziale Verwerfungen und Kämpfe befördern wird. Diese Auseinandersetzung schließen an den globalen Protestzyklus von 2018/2019 an, der sich „gegen das teure Leben“ (Gelbwesten-Slogan) richtete.


Politisch hat der Krieg, wie zuvor auch schon die Corona-Pandemie, zu einer großen Verunsicherung und neuen Konfliktlinien geführt, sowohl gesamtgesellschaftlich als auch innerhalb der Linken. Vor allem um das Für und Wider von Waffenlieferungen wird gerungen. Die Situation scheint eine klare Einordung auch für Linke schwer zu machen: Heißt, gegen den Krieg für den Krieg zu sein? Sind die Pazifisten der Ostermärsche die neuen Bellizisten? Hätte eine anti-imperialistische Haltung zur Konsequenz, deutsche Waffen für die Ukraine zu fordern? Oder macht man sich damit lediglich zum verlängerten Arm einer (ebenso imperialen) NATO?


Dabei kommen verschiedene Annahmen zu Ursachen und Verantwortlichkeiten für den Krieg zum Zuge, denen genauer nachgegangen werden müsste. Von der Annahme, Putin sei an seiner Isolation verrückt geworden über einen spezifischen russischen Imperialismus bis zur aggressiven NATO-Osterweiterung sind verschiedene Deutungen im Spiel. Weitergehend ließe sich jedoch fragen, welche Widersprüche bei diesem Krieg eigentlich zum Tragen kommen, die offenbar nicht mehr friedlich gelöst werden können.
Das Bedürfnis, das Geschehen zu verstehen, liegt allerdings quer zur allgemeinen Begriffslosigkeit. Konzepte wie Imperialismus und Pazifismus bilden für einen Großteil der deutschen Linken schon lange keine Anknüpfungspunkte mehr für Bewusstseins- und Theoriebildung. Ohnehin seit geraumer Zeit in der Krise, hat die Corona-Pandemie der linksradikalen und kommunistischen Diskussion über das Weltgeschehen durch die Isolation in Lockdown und Homeoffice weiter zugesetzt.
Wir möchten mit unserem Arbeitskreis einen Raum schaffen, um das Geschehen gemeinsam zu reflektieren und zu diskutieren.


Dazu möchten wir eine lose Veranstaltungsreihe organisieren, die sich – ohne dabei einem bestimmten Aufbau zu folgen – an verschiedenen Fragen entlang hangeln soll. Diese wären etwa:


– Welche Ursachen hat der Krieg? Welche Geschichte geht ihm voraus und welche Widersprüche werden darin möglicherweise ausgetragen?
– Ist der Krieg als Auseinandersetzung zwischen zwei imperialen Machtblöcken zu greifen?
– Gibt es vor Ort progressive Akteure jenseits von staatlichen Institutionen und Armeen, denen wir mehr Gehör verschaffen könnten?
– Welche Forderungen lassen sich aus einer marxistischen Analyse des Geschehens ableiten und gibt es überhaupt eine Perspektive, diese durchzusetzen?


Um diese Veranstaltungsreihe zu organisieren und gemeinsam zu diskutieren, treffen wir uns in unregelmäßigen Abständen. Wir stehen weiteren Interessierten offen. Wenn Ihr bei uns mitmachen möchtet, meldet Euch unter translib@translibleipzig

Das Ornament der Masse – Kindergartenkinder im russischen Ussuriysk im Zeichen der Macht.

Freitag, 22. Juli .2022 | 19 Uhr | Goetzstraße 7

Seit dem Beginn des völkerrechtswidrigen russischen Angriffs auf die Ukraine werden die Ursachen des Krieges häufig aus den Launen Putins oder dem proto-faschistischen Charakter des Regimes begründet, ohne beides näher zu erläutern. Die ökonomischen und politischen Ursachen des Krieges in der Ukraine, aber auch anderer Krisen und Konflikte im postsowjetischen Raum geraten dadurch außer Acht. Dabei lassen sich grundlegende Dynamiken und Tendenzen feststellen, die alle postsowjetischen Staaten prägen und die eine wichtige Ursache für die Kriege und gesellschaftlichen Instabilitäten der Region sind. Die Entstehung eines oligarchischen Kapitalismus in Russland und der Ukraine sowie die zunehmend aggressive russische Außenpolitik stehen jedoch in einem direkten Zusammenhang zu den „sowjetischen Vielfachkrisen“. Diese werden in dem Vortrag ausführlich erläutert und damit die Hintergründe für den aktuellen Krieg beleuchtet.

Felix Jaitner ist Politikwissenschaftler. Er veröffentlichte 2014 „Einführung des Kapitalismus in Russland. Von Gorbatschow zu Putin“ im VSA-Verlag. Nach dem Beginn der russischen Invasion am 24.2.2022 äußerte er sich unter anderem in Analyse & Kritik und Radio Corax über Hintergründe des Krieges.

Bitte bleibt bei Krankheitssymptomen zu Hause und tragt eine Maske während der Veranstaltung.

Jelzin lässt das Parlament beschießen, Moskau 1993.

Hegel bemerkt irgendwo, Dialektik sei Widerspruchsgeist. Nach diesem Motto hat sich die Gesellschaft der materialistischen Freundinnen und Freunde der Hegelschen Dialektik für lange Zeit in die sogenannte Rechtsphilosophie vergraben und Hegels 1820 erschienenes Hauptwerk über Recht, Moral, Familie, Gesellschaft und Staat gelesen und gedeutet. Im Frühjahr 2014 angekündigt als Lesekreis, bei dem man mit einem »Minimum« von »25 Terminen à 2 Stunden rechnen« solle, ist daraus ein Projekt beinahe epischen Ausmaßes geworden, das uns durch Höhen und Tiefen an die acht Jahre in Atem hielt. Hegels oftmals hochgeschraubten, aber bis ins letzte Detail streng bestimmten Gedankengänge gaben offenkundig reichlich Stoff zur Diskussion.

Inzwischen ist das Buch einmal durch-, aber sicher noch nicht ausgelesen. Nach all unseren Mühen wollen wir einige Ergebnisse gemeinsamer geistiger Arbeit vorstellen und mit allen Interessierten darüber ins Gespräch kommen. Dabei setzen wir an unterschiedlichen Stellen des Werkes an und versuchen aus einer eher unkonventionellen, aber hoffentlich lebendigen Perspektive die logische Gesamtsystematik etwas zugunsten der wirklich interessanten Punkte in den Hintergrund treten zu lassen. So geht es um die theoretische Form der Rechtsphilosophie, Hegels Vorstellung von der bürgerlichen Kleinfamilie, die selbstzerstörerischen Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft und die scheinbar erlösende Weltgeschichte.

Mit mehreren Vorträgen, die auf einige ausgewählte Paragraphen Bezug nehmen, wollen wir schlaglichtartig einen Eindruck des Textes vermitteln und uns selbst im Widerspruchsgeist erproben. In diesem Sinne werden Kritikpunkte an jenem Werk vorgestellt, welches in seiner Vorrede das Wirkliche für vernünftig und das Vernünftige für wirklich erklärt.

Wir möchten dazu einladen, sich mit unseren Resultaten der Diskussion vertraut zu machen, über diese mit uns zu streiten – und natürlich zur Hegel-Lektüre anregen. Darüber hinaus wollen wir auf die Fragen zurückkommen, die ganz zu Beginn unseres Lesekreises stand: Wozu Hegel lesen? Was ist an seinen Gedanken heute noch inspirierend und wo helfen sie, die moderne Form des Zusammenlebens zu verstehen?

Für die Teilnahme ist eine vorherige Lektüre des Textes nicht erforderlich.

Das Programm:

12:00 Uhr Einführung: Das Reich der Freiheit 

14:00 Uhr Hegels Gesellschaftstheorie: Familie, bürgerliche Gesellschaft und der Pöbel

16:00 Uhr: Eurozentrismus: Weltgeschichte und Weltgeist

Der Eintritt ist kostenfrei. Anmeldungen per Mail an translib@gmx.de

Der Reader mit allen für die Referate zentralen Passagen kann vorab per Mail zur Verfügung gestellt werden. 

Letzten Herbst hat sich ein neuer Science Fiction-Lesekreis gegründet, der seine Arbeit ab sofort öffentlich & im Rahmen der translib weiterführt. Ihr seid herzlich eingeladen!

Hier kommt eine kurze Vorstellung:

Seit Oktober 2021 lesen wir kurze SciFi-Erzählungen oder theoretische Texte, die sich mit Zukunftsvorstellungen, utopischen Gesellschaftsentwürfen oder technischen Möglichkeiten auseinandersetzen.

Bisher haben wir uns beispielsweise mit Geschichten von Ursula Le Guin oder Octavia Butler beschäftigt. Unter den Sachtexten waren Auszüge aus Donna Haraways „Unruhig bleiben“ oder „Sur l’eau“ von Theodor W. Adorno. Perspektivisch können wir uns auch vorstellen, einen längeren Text zu lesen.

In unseren Diskussionen entwickeln wir die Themen aus den jeweiligen Texten, besprechen ihre literarischen Motive und teilen unsere unterschiedlichen theoretischen Blickwinkel darauf.

Der Lesekreis findet jeden Dienstagabend um 19.30 Uhr in der Translib statt.
Bei Interesse meldet Euch gern unter translib ät gmx.de.

Special Event: Wer Lust hat, sich auf einer Sommerwiese in Science Fiction zu vertiefen, kann gerne zu dem von uns gestalteten Programmabend des diesjährigen Hörspielsommers am 7.7.2022 ab 18.00 Uhr im Richard Wagner Hain kommen.

Octavia Butler

Montag, 27.06.2022 | 19 Uhr | translib / Goetzstraße 7

Ankündigung

„Brasilien über alles, Gott über allen“, lautete im Jahr 2018 die Wahlkampfparole von Jair Bolsonaro. Sein fulminanter Aufstieg zum Präsidenten Brasiliens hat das Land stark verändert und einer „konservativen Revolution“ ausgesetzt: Soziale und gesellschaftliche Errungenschaften, die nach der Militärdiktatur mühsam errungen wurden, sind bereits systematisch zurückgedreht und der rechte Kulturkampf zwingt die meisten Oppositionellen zur Flucht ins Ausland. Mit Bolsonaros Segen konnten sich fundamentalistische Christ*innen in den politischen Institutionen des Landes festsetzen, während Goldgräber*innen und Holzfäller*innen ganze Landstriche in Amazonien erobert haben, und immer mehr Waffen im Umlauf sind. Mit seiner unkonventionellen Art unterhöhlt Bolsonaro zudem viele Grundsätze des politischen Systems. Die Inszenierung als Anti-Politiker hat er perfektioniert und die sozialen Medien setzt er als Waffe ein. Brasiliens Präsident steht für eine neue Art des Rechtsradikalismus, die keine Panzer mehr auf den Straßen braucht, und in einer unheiligen Allianz von Neoliberalen, Militärs und Fundamentalist*innen das Land nach ganz rechts zu drehen versucht.

Die Folgen seiner Amtszeit sind derweil verheerend, denn Bolsonaro hat das größte Land Lateinamerikas an den Rand des Kollaps geführt: traumatisiert durch die Pandemie, als Aussätziger im Ausland gehandelt, zernagt durch die Wirtschaftskrise. Dennoch kann sich der Rechtsradikale auf den harten Kern seiner Unterstützer*innen verlassen. Mit dem Bolsonarismus gibt es eine schlagkräftige Bewegung, die treu hinter ihrem Idol steht. Die für Oktober 2022 angesetzte Präsidentschaftswahl wird demnach eine harte Bewährungsprobe für Brasilien sein.

In der Buchvorstellung wirft der Autor Niklas Franzen den Blick auf ein Land im Krisenmodus: Wo sind die Ursprünge der rechten Revolte in Brasilien zu verorten? Wie gestaltet sich das soziale Leben unter den Bedingungen einer rechtspopulistischen Durchdringung der Gesellschaft und wo verlaufen dennoch Bruchlinien in Bolsonaros Projekts? Was droht schließlich dem Land in der Zukunft, welche möglichen Verheerungen und politischen Perspektiven lassen sich für Brasilien heute ausmachen?

Niklas Franzen ist Journalist und ehemaliger Brasilien-Korrespondent. Soeben ist sein Buch „Brasilien über alles. Bolsonaro und die rechte Revolte“ bei Assoziation A erschienen (https://www.assoziation-a.de/buch/Franzen_Brasilien), welches an dem Abend vorgestellt und diskutiert wird.

Bitte testet euch vorher und bleibt bei Corona-Symptomen zu Hause.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Translib und der Rosa Luxemburg Stiftung Sachsen.

Jair in der Rolle als Mensch

Sonntag, 12. Juni 2022 | 19 Uhr | translib

Mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ist die Frage, nach sozialrevolutionären Handlungsmöglichkeiten im Anbetracht eines Krieges wieder in den Vordergrund gerückt. Es lohnt sich deswegen anhand historischer Beispiele zu diskutieren, wie Arbeiter:innen mit so einer Situation umgegangen sind. In der Veranstaltung wollen wir einige Beispiele des revolutionären Defätismus im ersten Weltkrieg betrachten. In der Situation des »Augusterlebnisses« schwappte eine große Welle der Kriegsbegeisterung bis zu vielen Führungspersonen der Arbeiterorganisationen. Gegen diesen Jubel und den Weltkrieg entstand eine Praxis, die in Deutschland in den Massenstreiks gegen den Krieg und die Revolution mündete. Wir wollen mit unserem Referenten von der Zeitschrift Wildcat nachvollziehen, wie diese Bewegung von Arbeiter:innen möglich war und ob und wie man sich noch heute auf diese Erfahrungen beziehen kann.

Organisiert von Amici della Conricerca (https://amicidellaconricerca.noblogs.org/) mit Unterstützung der translib.

Link zur Wildcat: https://www.wildcat-www.de

Anstehen nach Lebensmitteln, Berlin 1917 (Quelle: DHM) –
Ab 1916 breiteten sich Hungerkrawalle an der Heimatfront aus, die vor allem von proletarischen Frauen getragen wurden.

3. Juni 2022 | 18.30 Uhr | translib, Goetzstraße 7

Mit einem Vortrag von Florian Bossert zur Denkfähigkeit in der Pandemie.

Am letzten Februartag des Jahres 2020 hatten wir einen Pfleger aus Brüssel zu Gast, der über Klassenkämpfe in belgischen Krankenhäusern berichtete. Vielleicht ahnten manche da bereits, dass das Thema Gesundheit bald überaus aktuell werden würde. Denn in derselben Woche trafen verwirrende Nachrichten aus Norditalien ein, wo das öffentliche Leben plötzlich in ungekanntem Maße von behördlichen Maßnahmen eingeschränkt wurde.

Niemand hat jedoch vorausgesehen, dass dieser Abend für über zwei Jahre der letzte bleiben würde, an dem wir zu einem geselligen Austausch eingeladen haben. In diesen zwei Jahren haben wir unsere Arbeit fortgesetzt, wenn auch in anderen Formen. Relativ überschaubare, feste Gruppen, wie unser Plenum, die Lesezirkel oder themenbezogene Arbeitskreise verlegten ihre Tätigkeit rasch in den digitalen Raum. Eine scheinbar effiziente Lösung, die jedoch auch zu einer Vereinseitigung führte. Was derweil brachlag, war der öffentliche Charakter des Projekts in einem stärkeren Sinne. Es mangelte an Möglichkeiten, neue Beziehungen einzugehen und an der besonderen Anregung, die in spontanen Begegnungen entstehen kann.

Als unsere eingeschliffene Praxis im Notstand der „ersten Welle“ abrupt abbrach, suchten einige Ersatz im Aktivismus und gründeten das Blogprojekt „Solidarisch gegen Corona“. Mittelfristig setzte sich jedoch eine andere Tendenz durch. Die Reibung mit der Außenwelt nahm ab, und es folgte eine Wendung nach innen. Im Winter 2020/2021, in dem sich die Pandemie wie eine Glasglocke über das Leben legte und unsere Wirkmacht an einem Nullpunkt angekommen war, begannen wir, uns ausführlich mit unserer eigenen Organisation auseinanderzusetzen. Aus dieser Selbstverständigung ging eine neue Verfassung hervor, die wir zukünftig unserer Arbeit zugrunde legen.

Nun, da sich die Pandemie langsam in ihre dritte Sommerpause verabschiedet, möchten wir erneut zusammenkommen. Um die Ergebnisse unserer bisherigen Auseinandersetzung vorzustellen; um mit unserem Gast Florian Bossert zu reflektieren, was zwei Jahre Pandemie mit der Denkfähigkeit gemacht haben; und nicht zuletzt, um zu feiern, dass Verbindungen zu anderen Menschen sich wieder leichter im öffentlichen Raum knüpfen lassen.

Grober Fahrplan für den Abend:

18.30 Uhr | Sektempfang
19.00 Uhr | Vorstellung unserer neuen Verfassung – Vorstellung der Lese- und Arbeitsgruppen
20.00 Uhr | Vortrag „Viraler Angriff auf fragile Subjekte. Eine Psychoanalyse der Denkfähigkeit in der Pandemie.“ Mit Florian Bossert (Berlin). Anschließend Diskussion.

Beschreibung des Vortrags:

Die Covid-19-Pandemie ist Ausdruck einer umfassenden ökologischen und gesellschaftlichen Krise. Den Nährboden für die globale Verheerung bereitete eine gesellschaftliche Praxis, die keine absoluten Grenzen des eigenen Fortschreitens kennt und die Natur als kostenlose Gabe behandelt. Vor diesem Hintergrund untersucht Florian Bossert die Auswirkungen der pandemischen Realität auf die menschliche Denkfähigkeit. Globale Krisen, unbewusste Phantasien, archaische Ängste, Bescheidwissen und Verschwörungsdenken werden im Rückgriff auf Kritische Theorie und Psychoanalyse näher bestimmt. Vor dem Hintergrund von Krise, Krieg und Revolte wirft der Vortrag die drängende Frage auf, wie man in einer chaotisierten Welt weder verzweifelt, noch im affektiven Furor den Kopf verliert, sondern die Umrisse einer anderen Welt antizipieren und dem kollektiven Denken verfügbar machen kann.

Florian Bossert ist Psychologe und lebt in Berlin. Er arbeitet u.a. zu Psychoanalyse, psychoanalytischer Sozialpsychologie und materialistischer Klassenanalyse. Sein Buch „Viraler Angriff auf fragile Subjekte. Eine Psychoanalyse der Denkfähigkeit in der Pandemie.“ ist 2022 im Psychosozial-Verlag erschienen.

22 Uhr | Bar & DJs (tba)

Dem Denken nicht zuträglich: Einsamkeit.

Freitag, 29.04.2022 | 18.30 Uhr | translib Leipzig

Sich heute mit Hans-Jürgen Krahls auseinanderzusetzen, bedeutet, sich den Weg zu einer Gestalt zu bahnen, um die sich nicht wenige Mythen ranken und die doch fast vergessen wurde. Sein Tod, den er 1970 mit nur 27 Jahren bei einem Autounfall fand, war ein zentrales Moment der Auflösung des SDS. Mit dem Ende des ›Sozialistischen deutschen Studentenbundes‹, der theoretisch wie organisatorisch zentralen Vereinigung der revoltierenden Studenten, ging die Studentenbewegung in Deutschland ihrem Ende entgegen.

Zugleich wurde das Unterfangen einer gehaltvollen Kritik der kritischen Theorie, die in Krahls hinterlassenen Fragmenten und Aufsätzen aufblitzt, kaum fortgesetzt. Krahl lernte die kritische Theorie in Frankfurt aus erster Hand durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno kennen. Hatten seine akademischen Lehrer der proletarisierten Masse teils durch die Erfahrung des Faschismus, teils durch idiosynkratische Vorbehalte abgeschworen, so unternahm Krahl den Versuch der „Vermittlung von Studenten- und Arbeiterbewegung“. Diese Rückorientierung auf das Proletariat, das Ende der 1960er europaweit zu einem großen Kampfzyklus ausholte, war begleitet durch eine avancierte Theoriebildung, welche die Möglichkeit einer anderen Rezeption der kritischen Theorie bereithielt. Mit seinem antiautoritären Marxismus erreichte Krahl intellektuell nicht nur große Eigenständigkeit, sondern entwickelte darüber hinaus Modelle, um die Hindernisse der Entwicklung emanzipatorischer Praxis zu benennen und diese organisationsstrategisch auf ein neues Niveau zu heben.

Aus diesen Elementen setzt sich das Bild eines Kritikers der kritischen Theorie zusammen, das Krahl weit besser beschreibt als die zahlreichen Mythen. Mit der Diskussionsveranstaltung wollen wir ihm nähertreten. Krahl für die Gegenwart in Erinnerung zu rufen, scheint gerade vor dem Hintergrund geboten, dass nicht wenige Teile der Linken in den letzten Jahren eine ähnliche Umschulung durchliefen wie Krahl seinerzeit. Neben der Rückorientierung auf das Proletariat durch eine Kritik der kritischen Theorie sollen jedoch auch Krahls Schwach- und Leerstellen thematisiert werden. Kann sich eine Linke heute organisationsstrategisch tatsächlich an seinen Überlegungen orientieren?

Auf der Veranstaltung werden Thesen aus dem jüngst von Meike Gerber, Emanuel Kapfinger und Julian Volz im Mandelbaum Verlag herausgegebenen Sammelband ‚Für Hans-Jürgen Krahl‘ vorgestellt.

Informationen zum Buch:

https://www.mandelbaum.at/buecher/meike-gerber-emanuel-kapfinger-julian-volz/fuer-hans-juergen-krahl/

Aufgrund der weiterhin angespannten pandemischen Lage bitten wir die Besucher*innen der Veranstaltung vorab einen Covid-19-Schnelltest zu machen.

Umbennung der Goethe-Uni in Frankfurt am Main, Frühjahr 1968

Erstes Treffen: 08. April 2022 | 18 Uhr | translib – Goetzstraße 7

Die revolutionäre Arbeiterbewegung entstand mit der beschleunigten Expansion der kapitalistischen Produktionsweise in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Zu dieser Zeit verwandelte sich ein immer größerer Teil der Bevölkerung Europas in Lohnarbeiter:innen, die ihr Dasein in den Fabriken und Wohnquartieren der entstehenden industriellen Zentren fristete. Als Reaktion auf ihre miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen und inspiriert durch die Ideen des Sozialismus begannen die Arbeiter und Arbeiterinnen sich ökonomisch, sozial, politisch und kulturell zusammenzuschließen und zu organisieren. Die Arbeiterbewegung schuf so einen kraftvollen Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft: Dies gelang durch so unterschiedliche Institutionen wie Gewerkschaften und Parteien, eigene Gesundheits- und Rentenfonds, Zeitungen, Arbeiterclubs und -chöre.

In unserem Lesekreis wollen wir uns mit den wesentlichen historischen Etappen der Arbeiterbewegung auseinandersetzen. Fragen, die wir uns im Lesekreis unter anderem stellen wollen, lauten: Wie entwickelte sich die deutsche Sozialdemokratie Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Massenpartei und welche Rolle spielten die Ideen von Marx und Engels in ihrer Entwicklung? Wie kam die Mehrheit der europäischen Arbeiterparteien vor dem Hintergrund ihres zuvor propagierten Internationalismus dahin, den Kriegseintritt 1914 ihrer jeweiligen Heimatländer zu befürworten? Wie entstand die russische Sozialdemokratie und wie kam es 1917 zur Oktoberrevolution? Woran scheiterte die Novemberrevolution 1918/19 in Deutschland? Wie konnten die Schwarzhemden Mussolinis die sozialistische Massenbasis im Italien der Nachkriegszeit brechen? Warum kapitulierte die deutsche Arbeiterbewegung 1933 letztlich vor dem Nationalsozialismus?
Diese Fragen wollen wir im Lesekreis gemeinsam in den Blick nehmen. Als kleiner Kreis beschäftigen wir uns schon seit Längerem mit der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung und sind nun daran interessiert, die Diskussion in einem breiteren Rahmen anzuregen. Deshalb haben wir im Zuge der Vorbereitung des Lesekreises versucht, Grundlagen für eine eigenständige und zugängliche Auseinandersetzung zu erarbeiten: Das heißt für uns sich mit den Errungenschaften und Niederlagen der Arbeiter:innenbewegung gleichsam auseinanderzusetzen und Geschichte als lebendigen und offenen historischen Prozess zu begreifen. Denn so, wie wir die linke Auseinandersetzung mit der Arbeiterbewegung erlebt haben, blieben wir oft unzufrieden zurück: während die einen sich mit einer bestimmten politischen Strömung identifizieren und die Geschichte aus einer verengten Perspektive ideologisch verklären, tun die anderen die historische Arbeiter:innenbewegung als Referenzpunkt gesellschaftsverändernder Politik von vorneherein ab. Wir haben dagegen gemerkt, dass die Geschichte der Arbeiterbewegung für uns bedeutsam ist, um unsere eigene politische Praxis zu reflektieren, dass bestimmte Fragen in anderer, aber ähnlicher Weise immer wieder aufkommen und dass wir von der lebendigen Debattenkultur innerhalb der Arbeiter:innenbewegung auch heute noch lernen können.

Der Lesekreis findet 14-tägig in der Translib statt. Vorwissen ist für die Teilnahme am Lesekreis nicht nötig. Er folgt einem von uns vorgeschlagenen Lektüreplan, in dessen Mittelpunkt historische Debatten in der Arbeiter:innenbewegung stehen. Diesen nähern wir uns sowohl über Debattenbeiträge von Theoretiker:innen der Arbeiterbewegung (beispielsweise von Lenin oder Luxemburg) als auch über die Lektüre von Auszügen aus historischen Studien. Den Zugang zu den jeweiligen Themen wollen wir zudem durch kurze Einführungen zu den jeweiligen Themenblöcken erleichtern.

Bei Interesse meldet Euch bitte unter translib ät gmx.de

Wir freuen uns auf die gemeinsamen Diskussionen!

Lesekreis zur Geschichte der Arbeiter:innenbewegung

Illustration von Otto Marcus, 1901.