Und schon wieder dürfen wir einen neuen Kapitallesekreis in unseren Räumen begrüßen. Ab Montag trifft sich in der translib eine neu entstandene Gruppe, um gemeinsam den 1. Band des Kapitals zu studieren.
Nachdem sich der Kurs schon zweimal getroffen hat, um Formalitäten zu klären und vorzufühlen, geht es am Montag richtig los mit dem Kapitel über die Ware, S. 49 bis 56 in der Dietz-Ausgabe. Alle Interessierten mit und ohne Vorkenntnisse sind herzlich eingeladen.

Der Kurs wird im zweiwöchentlichen Rhythmus stattfinden, immer im Wechsel einmal in der translib und einmal im Leipziger Süden. Mehr Infos und weitere Termine findet ihr auf dem Blog der Lesegruppe: https://marxspass.blackblogs.org/2018/01/24/marx-lesen/

 

Nächstes Treffen: Montag, den 19.03.18 || 19:00 Uhr || translib

Lektüre: Kapital, Bd. 1, S. 49 bis 56 (in der Dietz-Ausgabe), Kapitel über die Ware

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Zu der soeben erschienen Ausgabe Nr.55 der Zeitschrift Phase 2 haben Charlotte Mohs, Marco Bonavena und Johannes Hauer einen Artikel beigesteuert. Der Text heißt „Abschied von der Klassenmetaphysik. Formwandel der Klassengesellschft, Paralyse der Kritik“. In ihrem Aufsatz beschäftigen sich die Autorinnen mit dem „Abschied vom Proletariat“, besonders in seiner antideutschen Spielart. Im Mittelpunkt steht der Versuch, diese theoriepolitische Entwicklung der letzten Jahrzehnte in ihrem Zusammenhang mit der wirklichen Geschichte der kapitalistischen Klassengesellschaft zu begreifen. Die Autorinnen sind in der translib assoziiert und der Artikel ist teilweise aus Diskussionen in der translib hervorgegangen – er beansprucht aber nicht, eine Gruppenposition widerzuspiegeln.

Wir bedanken uns bei der Phase 2 für die Möglichkeit, den Artikel zu dokumentieren. Hier gibt es auch eine PDF: Abschied von der Klassenmetaphysik.

Call-Center

Abschied von der Klassenmetaphysik.

Formwandel der Klassengesellschaft, Paralyse der Kritik. 

„In die gleichen Ströme steigen wir und steigen wir nicht; wir sind es und wir sind es nicht“ (Heraklit)

  1. Der Abschied vom Proletariat

1980 erschien in Frankreich ein Buch mit dem programmatischen Titel Adieu au prolétariat, zu Deutsch: Abschied vom Proletariat.[1] Sein Verfasser, André Gorz, traf damit den Geist der Zeit. Denn die Verabschiedung alter marxistischer Gewissheiten hatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits seit einigen Jahren Konjunktur unter Linksintellektuellen verschiedener Provenienz. Neben dem einschlägigen Frontalangriff des Poststrukturalismus auf Subjekt, Geschichte und Emanzipation entstehen auch verschiedene Versuche einer Erneuerung des Marxismus, die diesen modernisieren wollen, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ob es sich dabei um den libertären Ökosozialismus André Gorz‘ oder den linken Populismus von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe handelt – das verbindende Moment dieser und weiterer durchaus heterogener Revisionen war eben jener Rückzug von der Klasse, wie die amerikanische Historikerin Ellen Meiksins Wood bereits 1986 feststellte.[2]

Wood konzentriert sich in ihrer Kritik dieser Revision auf angelsächsische und französische AutorInnen, doch lassen sich verwandte Entwicklungen auch in Italien und der BRD ausmachen. Durch frühere Entwicklungen vorbereitet, prägte der Abschied von der Klasse in den späten 70er Jahren endgültig die geistige Signatur der Zeit. Dennoch vollzieht sich diese transnationale Verschiebung des gesellschaftstheoretischen und politischen Koordinatensystems in verschiedenen Strömungen und Ländern unter je besonderen Vorzeichen, es ist ein Aufbruch in verschiedene Richtungen. In der „linksradikalen Bewegung“ der Bundesrepublik ist der Abschied über verschiedene verfeindete Fraktionen hinweg gründlich vollzogen worden. Autonome Freiraumaktivisten, postmoderne Diskurspolitiker, antiimperialistische Freunde der Völker und ideologiekritische Kritiker können sich heute zumindest darauf einigen, dass mit dem Proletariat kein Blumentopf zu gewinnen ist. Weder für vielfältige emanzipatorische Politiken, noch für semiotische Subversionen taugt es. Dem Imperialismus heizen Putin und Assad längst besser ein, und leider ist es auch viel zu sehr im Verblendungszusammenhang befangen, als dass es sich für die Feldzüge der reinen Kritik interessierte. Und überhaupt: „Klassen gibt’s doch gar nicht mehr!“ – rufen Helmut Schelsky, das Godesberger Programm und die aufgeweckten Linksradikalen im Chor. Lange Zeit musste man sich darum von der Klasse gar nicht mehr dramatisch verabschieden, ihr Verschwinden erschien dem common sense als ausgemachte Tatsache. Diese einige Jahrzehnte währende Situation ändert sich allmählich. Nicht nur in der Linken spricht man vermehrt über Arbeitsbedingungen und soziale Kämpfe, auch in den großen Feuilletons hatte die Klasse anlässlich Didier Eribons Rückkehr nach Reims ein kleines Comeback.

Soll nun der Abschied vom Abschied so fluchtartig erfolgen, wie seinerzeit der Abschied selbst? Auf keinen Fall. Ein nostalgischer Sprung zurück, der den Abschied als moralische oder geistige Verirrung abtäte, wäre zur Farce verurteilt. Vielmehr ist es dringend geboten, diese theoriegeschichtliche Entwicklung der Erosion der Klasse und ihrer Wiederkehr zu verstehen, und das heißt: sie als geistigen Ausdruck tiefer gesellschaftlicher Umwälzungen zu begreifen, von denen sie provoziert werden, und die sie zugleich zu deuten trachten. Wir denken somit, dass es sich bei dem Abschied von der Klasse um Ideologie im strengen Sinne des Begriffs handelt, „im Sinne einer verkehrten Widerspiegelung ihres gesellschaftlichen Lebensprozesses“ und zwar durch „objektive Nötigung, die von der Organisation der Gesellschaft selbst ausgeht. Sie entsteht, wenn die Gesellschaft den Individuen anders erscheint, als sie in Wahrheit ist, wenn bestimmte Oberflächenphänomene ihre innere Organisation verdecken“.[3] Damit ist einerseits die Frage aufgeworfen, welche realen Veränderungen im gesellschaftlichen Lebensprozess den Abschied provoziert haben, andererseits fragt sich, wie jene in der Theoriebildung geistig verarbeitet wurden, ob und inwieweit es sich dabei um überzeugende Interpretationen der Wirklichkeit handelt. Eine rationale Klassenanalyse wird den wirklichen Prozess der Klassenzusammensetzung untersuchen müssen, anstatt mythisch stillgestellte Bilder vom revolutionären Proletariat anzugaffen. Sie wird dabei die Kritik an den Mystifizierungen des Proletariats in sich aufnehmen müssen, ohne jedoch dem „kritischen“ Mythos vom Ende der Klassengesellschaft aufzusitzen. Eine Veränderung dieser Wirklichkeit muss mit ihrer vernünftigen Interpretation Hand in Hand gehen.

  1. Von der klassenlosen Klassengesellschaft zum Proletariat als Pöbel

Wenden wir uns einer spezifisch deutschen, nämlich der antideutschen Variante des Abschieds zu. Diese steht in der Tradition der Kritischen Theorie, die schon seit den 1930er Jahren an einer Aktualisierung der Marx‘schen Theorie gearbeitet hatte. Darin bewies sie eine außerordentliche Sensibilität für die autodestruktive Tendenz des technisch hochentwickelten Kapitalismus, die mangelnde Resistenzkraft der ArbeiterInnenklasse und die Bedeutung von Ideologie und Massenwahn in diesem Zusammenhang. Diese Gemengelage zeigte sich erstmals in der industriell hochgerüsteten Massenschlächterei und der mit ihr verbundenen „weltgeschichtlichen Katastrophe“ (Rosa Luxemburg): der Kapitulation der internationalen, insbesondere aber der deutschen Sozialdemokratie vor dem patriotischen Blutrausch des ersten Weltkriegs. In den nachfolgenden Jahrzehnten entfalteten diese Tendenzen erst ihre volle historische Wirkmacht. Die Gewissheit einer herannahenden revolutionären Umwälzung durch das Proletariat schwand infolge der brutalen Zerschlagung ihrer Organisationen, mehr noch jedoch durch erschreckende sozialpsychologische Einsichten in die Virulenz autoritärer Charakterstrukturen, auch in der ArbeiterInnenklasse.[4] Adorno versuchte die in der marxistischen Theorie nicht vorgesehene Möglichkeit einer erfolgreichen Eskamotierung und Stillstellung des Klassenkonflikts 1942 in seiner paradoxen These einer klassenlosen Klassengesellschaft zu fassen.[5] Zwar sei der Klassengegensatz weiterhin die grundlegende Struktur der kapitalistischen Produktion, dieser werde aber verdeckt durch eine totale Organisation der Gesellschaft in Form von Monopolisierung, Bürokratie, Kulturindustrie und Konsum.

Der Antisemitismus wird in der Dialektik der Aufklärung als Symptom des ökonomischen und sexuellen Elends in der kapitalistischen Klassengesellschaft bestimmt.[6] Solange es Klassen gibt, heißt es da, bleibt den Massen das Glück verwehrt, das die bürgerliche Gesellschaft versprach und solange diesem Zustand nicht durch eine gesellschaftliche Tat abgeholfen wird, entwickelt sich Ohnmacht zu einer dunklen Wut, die sich selbst nicht versteht. Sie entlädt sich blind auf den, der auffällt ohne Schutz, auf den, der scheinbar nicht der Mühsal der Arbeit unterworfen ist, auf jede Verkörperung jenes Glücks, das ihnen selbst nicht vergönnt ist. Der Antisemitismus ändert nichts an den materiellen Lebensverhältnissen der Klassengesellschaft, doch fungiert er hervorragend als Ventil, als idealistische Antwort auf materielle Entbehrungen – „Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv“.

Was hat sich von solchen Einsichten in der antideutschen Schule erhalten, die sich stets als Gralshüterin der orthodoxen Kritischen Theorie gebärdet? Erstaunlich wenig. Adorno und Co werden zwar als hervorragende Kritiker der kapitalistischen Gesellschaft verehrt, doch soll deren kritische Leistung nun gerade darin bestehen, den Kapitalismus nicht mehr als Klassengesellschaft zu begreifen. Vorbereitet wurde diese Wendung durch zwei Mitte der 1970er Jahre erschienene Bücher, die als Grundlegungen der antideutschen Strömung begriffen werden können: Wolfgang Pohrts Theorie des Gebrauchswerts von 1976 und Stefan Breuers im Folgejahr veröffentlichte Krise der Revolutionstheorie.[7] Die zentrale These lautet, dass man es in der spätkapitalistischen Gegenwart mit einer Gesellschaft ohne Gegensätze zu tun habe, mit einer „totalen Vergesellschaftung“. Erzählt wird eine Verfallsgeschichte in der Tradition der deutschen Kulturkritik. Das Lebendige werde zunehmend einer in Maschinen, Fernsehapparaten und Massenwaren verkörperten abstrakten gesellschaftlichen Struktur subsumiert, die Individuen werden nivelliert und verschmelzen mit dem Kapital zu einer bruchlosen Identität etc. pp. Das Kapital selbst wird zum Demiurgen der Realität, zum automatischen Subjekt, von welchem die Menschen restlos absorbiert sind, so „dass eigentlich nur noch das Kapital existiert, weil dieses die Totalität darstellt“[8]. In dieser absoluten Identität ohne Widerspruch ist die Möglichkeit der proletarischen Revolution erloschen.[9]

Genau in dieses Horn bläst auch Joachim Bruhn in seinen einschlägigen Veröffentlichungen. Bei Bruhn existieren dabei zwei unverbundene Begründungen nebeneinander: eine kapitaltheoretische und eine geschichtliche, die auf die Bedeutung des Nazifaschismus reflektiert.

Bruhn zufolge ist das Proletariat in der NS-Volksgemeinschaft aufgegangen, weshalb es sich als Subjekt einer kommunistischen Revolution ein für alle Mal diskreditiert habe. Zwar ist richtig, dass sich Teile des deutschen Proletariats willfährig in die klassenübergreifende Volksgemeinschaft einpassten und an ihren blutrünstigen Raubzügen ebenso teilnahmen wie an der Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen. Aus dieser Tilgung jedes Klassenbewusstseins zugunsten der klassenübergreifenden Volksgemeinschaft zieht Bruhn nun aber folgenden verqueren Schluss: „die Insistenz auf diesem Klassencharakter reproduziert ganz wie von selbst den Antisemitismus der Scheidung von ‚raffendem‘ und ’schaffendem‘ Kapital“[10]. Im diametralen Gegensatz dazu ist für Adorno gerade die Verdrängung des Klassengegensatzes, „die Verkleidung der Herrschaft in Produktion“[11], der ökonomische Nährboden des Antisemitismus. Die Ausbeutungs- und Herrschaftsfunktion des industriellen Kapitalisten wird, vermittels des Unternehmerlohns oder Managergehalts, verschleiert und erscheint als Moment der produktiven Arbeit. Der Klassengegensatz zwischen Lohnarbeit und (industriellem) Kapital wird in der ideologischen Einschmelzung des Antagonismus zum „schaffenden Kapital“ geleugnet und verschoben auf einen vermeintlichen Gegensatz desselben zu einem „raffenden jüdischen“ Handels- bzw. Geldkapital.[12]

Unbestritten war der Nationalsozialismus ein Bruch in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Zerstört wurden nicht nur zahllose individuelle Existenzen, sondern auch liebgewonnene Gewissheiten. Grausam durch den Weltlauf widerlegt wurde insbesondere die evolutionistische Annahme, dass die kapitalistische Entwicklung den Klassenkampf von selbst zuspitzt, Klassenbewusstsein und Organisationsstärke der Klasse immer weiter anwachsen und der Sieg des Proletariats somit ein notwendiges Naturgesetz der gesellschaftlichen Entwicklung darstellt. Der Klassengegensatz muss sich nicht in Klassenkampf äußern, er kann durch Krieg, Massenwahn und Repression kanalisiert, unterdrückt und moderiert werden. Es ist darum unabdingbar, gegen marxistisch-leninistische und linkskommunistische TraditionalistInnen, die weiterhin geschichtsteleologischen Mythen anhängen und eine Verklärung der Arbeiterklasse betreiben, auf diesen wirklich geschehenen Bruch der Revolutionsgeschichte zu insistieren.

Falsch ist jedoch die von Bruhn betriebene Extrapolation eines fixen Charakters des globalen Proletariats in Gegenwart und Zukunft aus der Niederlage und dem Versagen der deutschen ArbeiterInnenbewegung im Angesicht des Nationalsozialismus. Ist für jene dogmatischen Kommunisten der revolutionäre Charakter eine fixe Eigenschaft des Proletariats, so ist es für Bruhn dessen Verkommenheit: die „Transformation des Proletariats in nichts als Pöbel“[13] ist ihm eine „bleibende Erbschaft des Nationalsozialismus“; eine unumstößliche Gewissheit, die sich ihre Bestätigung durch gelegentliche anekdotische Ausflüge in die Wirklichkeit sucht. Hier werden bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen dogmatisch in den Stand geschichtlicher Invarianten erhoben. Bruhn ersetzt die „Westentaschenmetaphysik“[14] des traditionellen Marxismus durch seine eigene.

Anstatt sich mit solchen eingefrorenen Wesenszuschreibungen und Versicherungen zu begnügen, gilt es zu verstehen, dass „das Proletariat“ keine sich identisch erhaltende Substanz ist, sondern einem permanenten Gestaltwandel unterliegt. Es ist auch kein sich durch die Geschichte erhaltendes Großsubjekt wie der Hegelsche Weltgeist, sondern setzt sich aus lebendigen Individuen zusammen. Diese machen ihre eigenen Erfahrungen, durchlaufen ihre eigenen Bildungsprozesse in einer sich beständig wandelnden Welt. Es ist schlechterdings nicht nachzuvollziehen, wie sich das gegenwärtige Verhalten eines chinesischen Wanderarbeiters direkt aus der Misere des deutschen Proletariats soll ableiten lassen. Genau zu solchen geschichtstheologischen Konstruktionen greift aber Bruhn, der schreibt: „wenn es in der Geschichte des Kapitals jemals ein Kairos der Revolution gegeben hat, dann war es genau der Tag der Wannsee-Konferenz. Die Revolution aber blieb aus.“[15] Bruhn glaubt nicht nur an den verpassten Kairos der Geschichte, er wünscht sich das Proletariat auch als „Synthese von subjektiver und objektiver Vernunft“ in der Geschichte.[16] Seine Entmystifizierung der Metaphysik der Klasse bleibt aber auch hier auf halber Strecke stecken. Scheinbar nüchtern zeigt er seine Enttäuschung darüber, dass das Proletariat nicht zum absoluten Subjekt-Objekt geworden ist. Er erkennt jedoch nicht, dass die nun enttäuschte Hoffnung selbst auf einem verstiegenen „Überhegeln Hegels“ (Georg Lukács) beruht; dass also nicht nur die schlechte Wirklichkeit entlarvt werden muss, sondern auch sein phantastischer Wunsch nach den Wunderleistungen des Proletariats der kritischen Durcharbeitung bedürfte. Sein Ideal kann er so noch in der Enttäuschung retten, das Proletariat wird aufgespalten in einen potentiellen Weltenerlöser – und den reellen Pöbel, der dafür verachtet wird, dass er dem Ideal nicht entspricht.

Die Proletarisierten sind keine besseren Menschen, nicht ihrem Wesen nach immer schon revolutionär. Konformismus und Widerstandskraft sind keine charakterlichen Invarianten, sondern entwickeln sich abhängig von Familienverhältnissen, Bildungsprozessen und Kampferfahrungen im Alltag, in staatlichen Institutionen und in Arbeitsverhältnissen, vom Zustand politischer Organisationen und vielem mehr. Die Individuen entwickeln sich in einem konkreten Ensemble sich verändernder gesellschaftlicher Verhältnisse und vereinen jeweils eine Vielzahl widersprüchlicher Bedürfnisse, Wünsche und Strebungen, Werte und Anschauungen, Ängste und Aggressionen in sich. Sie sind nicht mit sich selbst identisch und in ihrem Verhalten verwirklicht sich darum auch nicht ihre volle Identität.

  1. Total subsumiert? Zu Genese und historischer Plausibilität der Integrationsthese

Kapitaltheoretisch begründet Bruhn die Depotenzierung des Klassenverhältnisses mit Marx‘ Theorem des Übergangs von der formellen zur reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Marx unterscheidet die formelle Subsumtion, als der „allgemeinen Form alles kapitalistischen Produktionsprozesses“[17], durch die der Arbeitsprozess zum Mittel des Verwertungsprozesses wird, von der reellen Subsumtion, als der „spezifisch-kapitalistischen Produktionsweise“[18], in der der Arbeitsprozess selbst durch die planmäßige Anwendung von Kooperation, Maschinerie und Wissenschaft zum Zwecke der Mehrwertproduktion umgestaltet wird.[19] In Bruhns Lesart regredieren die LohnarbeiterInnen dadurch zum reinen Anhängsel der kapitalistischen Maschinerie, weshalb sie dem Kapital nichts mehr entgegenzusetzen haben.[20] Diese Erzählung impliziert schon bei Pohrt die romantische These, dass nur die von vorkapitalistischen Lebens- und Arbeitsweisen geprägte ArbeiterInnenklasse mit der sich durchsetzenden kapitalistischen Produktionsweise in einem Gegensatz stand, dieser Gegensatz jedoch ab 1870 verschwand, als diese zu einer durch das Kapitalverhältnis „gesetzten“ geworden sei.[21] Paradoxerweise konnte also die kapitalistische Produktionsweise nur zu einem Zeitpunkt aufgehoben werden, als sie noch kaum irgendwo auf der Welt herrschte, die wenigen LohnarbeiterInnen aber ohne schlagkräftige Organisationen unter miserablen Bedingungen lebten. Anders als Bruhn betont Marx gerade den „gegensätzlichen Charakter“ der reellen Subsumtion: Es handele sich um die Entwicklung des sachlichen Reichtums „im Gegensatz zu dem, und auf Kosten des, menschlichen Individuums“[22], gerade die Durchsetzung einer spezifisch-kapitalistischen Produktionsweise lasse die Zuspitzung der Klassengegensätze erwarten.[23]

Die These der Integration der Lohnabhängigen in die bürgerliche Gesellschaft wird im Verlauf der Nachkriegsentwicklung zu einem Gemeinplatz. Sie gründet in der Erfahrung des stürmischen Wirtschaftswunderwachstums seit den 1940ern (USA) bzw. den 1950ern (Europa), in dessen Zuge sich Profite und Löhne im Gleichklang entwickelten und die Massenproduktion von (langlebigen) Konsumgütern diese zusehends auch für ArbeiterInnen erschwinglich machten. Dies schien die Marx‘sche Annahme einer Zuspitzung der sozialen Gegensätze zu widerlegen.

Die BRD erbte vom Nationalsozialismus eine Gesellschaft ohne radikale Opposition.[24] Die Integration der Lohnabhängigen wurde durch das korporatistische System der „Sozialen Marktwirtschaft“ vorangetrieben, die eine bürokratische Verrechtlichung des Klassenkonflikts brachte und die Unbill der Eigentumslosigkeit durch eine Ausweitung des Versicherungswesens abfederte. Was dem Arbeiter als Fortschritt taugte – ein sicherer Arbeitsalltag mit Stechuhr, standardisiertem Konsum und häuslichem Umsorgtwerden durch die Ehefrau – war ein Schritt hinein in eine „kleinbürgerliche“ Lebensform und führte zur fortschreitenden Auflösung des alten ArbeiterInnenmilieus. Dadurch wurde der Klassenkompromiss auch auf kulturellem Terrain, im Alltagsleben, befestigt. Die, die einst durch eine proletarische Öffentlichkeit und Lebensweise die Negation der bürgerlichen Gesellschaft verkörperten, schienen nun ihr Inventar geworden zu sein, wie Hebert Marcuse 1964 in seinem Eindimensionalen Menschen konstatierte. Bereits Ende der 1960er kritisierte Paul Mattick hellsichtig Marcuses Annahme, der Kapitalismus sei zu einer dauerhaften sozial-ökonomischen Integration des Proletariats in der Lage.[25] Durch die reale Entwicklung der kapitalistischen Weltökonomie seit den 1970ern wurde sie zunehmend zu einem Anachronismus, was aber Bruhn und seine Anhänger nicht davon abhielt, sie ein ums andere Mal neu aufzugießen.

Die These vom Ende des Klassengegensatzes durch Integration des Proletariats beruht letztlich auf der irrigen Annahme, die Prosperität der Nachkriegszeit könnte von Dauer sein. Betrachtet man die Trentes Glorieuses nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch im Zusammenhang mit dem längerfristigen Trend der kapitalistischen Entwicklung, wird deutlich, dass es sich hierbei um eine besondere Konstellation handelt, die bereits Mitte der 1970er Jahre an ihr Ende gelangt. Die Weltwirtschaft ging damals über in einen langen Niedergang mit verlangsamten Wachstumsraten und abnehmender Beschäftigung.[26] Diese Stagnation beruht auf einem Rückgang der Profitabilität der verarbeitenden Industrie, infolge intensivierter Konkurrenz und chronischen Überkapazitäten. Die Reaktion des Kapitals bestand in einem konzentrierten und kontinuierlichen Angriff auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen. Doch obwohl der Ausbeutungsgrad seitdem wieder erhöht werden konnte, gelang es nicht, das Problem der sinkenden Profitabilität zu lösen. Die daraus resultierende Stagnation der Industrieproduktion führte zum relativen und später absoluten Rückgang der Industriebeschäftigung. Immer mehr Lohnabhängige finden sich seitdem in einem Dienstleistungssektor wieder, der vor allem ein Niedriglohnsektor ist. Sie avancierten zu einer Art bezahlten Reservearmee, die den Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen weiter verschärft.[27] Die Reallöhne stiegen in nahezu allen Industrieländern langsamer, wo sie nicht stagnierten oder sogar schrumpften. In den letzten Dekaden hat sich das Kapital über den gesamten Erdball ausgebreitet und andere (Re-)Produktionsweisen weiter aufgelöst und zurückgedrängt. Die in diesem Zuge freigesetzten und in die Städte gespülten, eigentumslosen Menschen müssen ihre Arbeitskraft jedoch in einer immer langsamer wachsenden Weltwirtschaft verkaufen. Sie konstituieren ein rasant wachsendes informelles Proletariat, das in prekärer Selbstständigkeit verschärfter Ausbeutung unterworfen ist.[28] Die kapitalistische Produktionsweise kann die Illusionen eines harmonischen Zusammenspiels von Kapital und Arbeit sowie die Behauptung, Wohlstand in die Welt zu tragen, also längst nicht mehr aufrechterhalten.

Ob Nachkriegskonjunktur und Sozialpakt oder stagnierende Weltwirtschaft und verschärfter Klassenkampf ‚von oben‘ – beide Entwicklungsphasen sind Resultat der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital und deren historischer Widerspruchsdynamik. Mit Bruhn, der die reelle Subsumtion nicht als den historischen Entwicklungsprozess des Klassengegensatzes, sondern als dessen Ende versteht, lässt sich dieser Übergang der Nachkriegsintegration zur Phase sich verschärfender Gegensätze seit den 70ern nicht begreifen. Dass die These trotz dieser Entwicklung nicht an Einfluss verloren hat, verweist auf ein grundlegenderes Problem des vorherrschenden Klassenbegriffs, das im folgenden diskutiert werden soll.

  1. Transformation der Klassengesellschaft

Ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zu einem klassenanalytischen Verständnis der gegenwärtigen Entwicklung liegt im Selbstverständnis der alten ArbeiterInnenbewegung begründet, wie es sich im Verlauf ihrer Etablierung herausgebildet hat. Ihr organisatorisches und ideologisches Zentrum war in den entwickelten kapitalistischen Ländern die in Zahl und Stärke scheinbar unaufhaltsam wachsende IndustriearbeiterInnenschaft.[29] Um sie herum bildete sich von den 1870ern bis in die 1970er das alte ArbeiterInnenmilieu heraus – in Form von Gewerkschaften und Parteien, eigenen Banken, Gesundheits- und Altersvorsorge, Zeitungen, Abendschulen, Kneipen, Büchereien, Sportvereinen, kulturellen Ausdrucksformen und entsprechenden Werten und Normen. So etablierte sie eine eigene Welt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft.[30] Der Begriff des Proletariats wurde dadurch weitgehend mit diesem Bild der IndustriearbeiterInnenschaft identifiziert. Im Verlauf der oben geschilderten Entwicklung von wohlfahrtsstaatlicher Integration und anschließender Deindustrialisierung löste sich dieses Milieu zunehmend auf. Durch die Identifizierung einer historischen Erscheinungsform von Proletarität mit der Proletarität überhaupt, wurde das Ende dieser spezifischen Klassenkonstellation als eine Deproletarisierung gedeutet: nicht nur fanden sich immer weniger Proletarisierte in „proletarischen“ Sektoren wieder, auch das ganze Set an Fähigkeiten, Anforderungen, Normen und Werten, welches sich durch die Industriearbeit einerseits, durch die Praxis der ArbeiterInnenbewegung andererseits zur Arbeiteridentität verschmolzen hatte, wurde durch die veränderten Bedingungen zunehmend zu einem Anachronismus.

Mit der Etablierung der (Industrie-)Arbeiteridentität als Fixpunkt der sozialistischen Bewegung trat der kapitaltheoretisch fundierte Klassenbegriff von Marx[31] zugunsten eines statischen Verständnisses von Klasse als soziokulturell relativ homogener Gruppe zurück.[32] Marxens Einsicht besteht aber gerade in der Erkenntnis, dass das kapitalistische Klassenverhältnis bestimmt ist durch das Produktionsverhältnis von Kapital und Lohnarbeit, das ein Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis darstellt. Das Proletariat ist einerseits historische Voraussetzung der kapitalistischen Produktion, wird aber andererseits zum beständig erneuerten Resultat des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst.[33] Das kapitalistische Klassenverhältnis ist somit selbst ganz grundlegend durch die spezifische Dynamik kapitalistischer Akkumulation geprägt: Im Zuge der sprunghaften Entwicklung der Produktivkräfte kommt es immer wieder zu Umwälzungen des Produktionsprozesses und damit zu Veränderungen in den Anforderungen an die Fertigkeiten der ArbeiterInnen. Die expansive Tendenz des Kapitals entwickelt mit dem Weltmarkt eine Ausdifferenzierung der internationalen Arbeitsteilung und Produktion. Sie schleudert Menschen aus anderen Produktionsverhältnissen hinaus und macht die Proletarisierten in steigendem Maße vom Markt abhängig. Die ständig wiederkehrenden Krisen führen zu zyklisch ansteigender Arbeitslosigkeit und setzen im Verbund mit der technologischen Entwicklung die einen ArbeiterInnen außer Kurs und werfen andere in einen neuen Sektor. In dieser Geschichte erhält sich zwar die Substanz (die Eigentumslosigkeit), die Form des Proletariats ändert sich jedoch permanent. Klasse meint also kein für sich und aus sich bestehendes autarkes Ding, keine in sich beschlossene Gruppe, sondern wesentlich einen Pol eines spezifischen sozialen Verhältnis von Ausbeutung und Herrschaft und den für dieses Verhältnis konstitutiven historischen Prozess seiner Entwicklung im Fortgang der Akkumulation des Kapitals.

Nach dem Niedergang der alten ArbeiterInnenbewegung und der damit verbundenen positiven Klassenidentität bleibt die Erfahrung der Proletarität eine wesentlich negative, die keinen Anlass zu stolzer Identifikation mit dem eigenen Dasein bietet: die existentielle Abhängigkeit vom Verkauf der Arbeitskraft gegen Lohn und der Zwang, sich Bedingungen und Zweck ihrer Anwendung durch das Kapital diktieren zu lassen. Dieses gesellschaftliche Schicksal teilen heute so viele Menschen wie nie zuvor. Ihr Leben wird in steigendem Maße von einer stagnierenden kapitalistischen Produktion geprägt. Dadurch sehen die Lohnabhängigen heute wieder in verschärfter Form ihre grundlegenden materiellen Bedürfnisse gefährdet, wie der Kriseneinbruch 2007ff. vor Augen geführt hat. Die Krisenproteste und Kämpfe der letzten Dekade haben den Zustand des gegenwärtigen Klassenbewusstseins und der Klassenorganisation verdeutlicht. Die Offensive des Kapitals seit den 1970ern hat nicht nur erfolgreich den Ausbeutungsgrad der Lohnarbeit erhöht, sondern auch die Organisationen von ArbeiterInnenwiderstand fundamental geschwächt. Wo die Gewerkschaften noch etwas zu sagen haben, betreiben sie häufig Co-Managment in Zusammenarbeit mit den Unternehmen. Die vereinzelten Streiks blieben weitgehend partikular und defensiv, während die Proteste mit einer allgemeineren Perspektive, die sich vor allem in den Bewegungen der Platzbesetzungen ausdrückten, mit ihren diffusen Forderung nach wirklicher Demokratie (zumindest in Europa und den USA) innerhalb des herrschenden Bezugsrahmens verharrten. Die zentrale Rolle, die den Platzbesetzungen dabei zukam, verweist auf die neue Klassenkonstellation, in der sich die Kämpfe nicht mehr naturwüchsig rund um die Fabrik entwickeln.[34] Sie verweist aber auch auf die fundamentale Schwäche von Bewegungen, denen es nicht gelingt, auch in die Sphäre der Produktion vorzudringen. Während für die alte ArbeiterInnenbewegung mit der – wie immer widersprüchlichen und historisch-beschränkten –, Vorstellung einer Arbeiterkontrolle der Betriebe unter der Ägide eines sozialistischen Staates zumindest ein einigermaßen klares Ziel existierte, fehlt den Lohnabhängigen heute eine klare Perspektive sozialer Emanzipation. Dabei wäre eine Selbstorganisation der gesellschaftlichen Arbeit durch die assoziierten ProduzentInnen unter heutigen Bedingungen um einiges realistischer als zu Zeiten der Zweiten Internationale.[35]

Der Niedergang der alten ArbeiterInnenbewegung, die fundamentale Schwächung aller Klassenorganisationen und des ArbeiterInnenwiderstandes sowie die Vorherrschaft eines verdinglichten Bildes des Proletariats, nähren in ihrem Zusammenspiel den Schein einer Gesellschaft, in der das Klassenverhältnis seine Bedeutung verloren hat und verleihen der Integrationsthese ihre vermeintliche Plausibilität.

  1. Kritik ins Handgemenge

Wir befinden uns also in einer Situation, in der sich der verabschiedete Antagonismus zwischen den Klassen mit Vehemenz zurückmeldet, dies aber unter radikal veränderten Bedingungen. So entfaltet sich der Klassengegensatz heute geradezu in Reinheit, jede konkrete Arbeit kann die Form der Lohnarbeit annehmen, die Welt ist gründlicher proletarisiert denn je. Gerade infolge dieser Verallgemeinerung verliert die Klasse aber ihre Anschaulichkeit. Die Zeiten, in denen sich die Lohnabhängigen als ArbeiterInnen identifizierten und ihre Klassenposition Quelle für eine fest umrissene Identität, Kultur und Vorstellungswelt war, sind vorbei. Trotzdem diktiert die Klassenlage den Lohnabhängigen die Lebens- und Überlebensbedingungen, wenn auch, wie oben beschrieben, weitgehend negativ. Aus dieser Situation wird uns kein existenzialistischer Sprung herausführen. Alle Ansätze für eine wirkliche Bewegung, die in der Lage wäre, den jetzigen Zustand aufzuheben, werden  ihren Ausgangspunkt heute in schnöden Abwehr- und Verteilungskämpfen nehmen. Solche Auseinandersetzung als „kapitalimmanent“ abzulehnen, hieße nicht weniger, als den Bildungsprozess einer revolutionären Bewegung mit allen Schwierigkeiten theoretisch zu bannen und nur das Bild des „Ganz Anderen“ festzuhalten – über dessen Verwirklichung dann schlechterdings nichts gesagt werden kann und soll. Gegen dieses kontemplative Warten auf den Einbruch der Transzendenz in eine scheinbar hermetisch verfugte Welt, wären gerade in den wirklichen Verhältnissen „die Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft“[36] wachen Auges zu erkunden: die materiellen Bedingungen also, die eine Überwindung dieser Verhältnisse zur realen Möglichkeit werden lassen. Nicht durch doktrinäres Predigen und Sektengeist, allein in den wirklichen Auseinandersetzungen und Kämpfen kann die Kritik eine materielle Gewalt werden: Indem sie die drückenden, vielfach mystifizierten Verhältnisse als gesellschaftliche Beziehungen der Menschen zueinander und zu den Produkten ihrer Arbeit zu Bewusstsein bringt und unter den Interessen, Forderungen und Begehren diejenigen Momente hervorhebt und stärkt, die eine gesellschaftliche Emanzipation befördern.

Charlotte Mohs, Marco Bonavena, Johannes Hauer

[1] André Gorz: Abschied vom Proletariat. Jenseits des Sozialismus. Überarbeitete Neuaflage. Frankfurt a.M. 1988.

[2] Ellen Meiksins Wood: The Retreat from Class. A New ‚True‘ Socialism. With a new introduction by the author. London 1998.

[3] Herbert Schnädelbach: Was ist Ideologie? Versuch einer Begriffsklärung. In: Das Argument 50/1969, 82 & 83f. [Online unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/texte/Was-ist-Ideologie].

[4] Vgl. Erich Fromm: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. Bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Bonß. Stuttgart 1980.

[5] Vgl. Theodor W. Adorno: Reflexionen zur Klassentheorie. In: Gesammelte Schriften Band 8, 373–391. [Online unter: https://psychosputnik.wordpress.com/2016/05/28/adorno-reflexionen-zur-klassentheorie/] Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft haben in den 2007 veröffentlichten 28 Thesen zur Klassengesellschaft versucht, diese These zu aktualisieren.

[6] Theodor W. Adorno / Max Horkheimer. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a.M. 2003, hierin vor allem die Elemente des Antisemitismus Nr. II & III.

[7] Wolfgang Pohrt: Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt. 3. Auflage. Berlin 2013. Stefan Breuer: Die Krise der Revolutionstheorie. Negative Vergesellschaftung und Arbeitsmetaphysik bei Herbert Marcuse. Frankfurt a.M. 1977.

[8] Pohrt, a.a.O., 144.

[9] Vgl. Pohrt, a.a.O., 50, 132ff., 138, 142ff. und passim.

[10] Joachim Bruhn: Avantgarde und Ideologie. Nachbemerkung zum Rätekommunismus. In: Willy Huhn: Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus. Mit einem Vorwort von Clemens Nachtmann, einer biographischen Notiz von Christian Riechers, einer bibliographischen Information von Ralf Walter sowie einer Nachbemerkung von Joachim Bruhn, 204; Hervorhebung von uns. [Online unter: http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/huhn-etatismus_lp.bruhn-avantgarde.php].

[11] Theodor W. Adorno / Max Horkheimer. a.a.O, Elemente des Antisemitismus Nr. III

[12] Zur ökonomischen Grundlage dieser Verkehrung, siehe MEW 25: 822, 836ff.

[13] Joachim Bruhn: Echtzeit des Kapitals, Gewalt des Souveräns. Deutschlands Zukunft in der Krise. In: Bahamas Nr. 63 (Winter 2011/2012), 67. [Online unter: http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/bruhn-echtzeit.gewalt.php].

[14] Joachim Bruhn: Metaphysik der Klasse. Soll es wirklich so gewesen sein, daß der Nazifaschismus weder den Begriff noch die Realität des Proletariats berührt hat? In: Phase 2 12 (2004), online unter http://0cn.de/kiyp.

[15] Ebd., „Kairos“ (altgr.) meint den rechten Zeitpunkt der Entscheidung, aber auch die von Gott erfüllte Zeit, die Zeitenfülle. Der Begriff bezeichnet im Markus-Evangelium (Mk 1,14-15) die einzigartige Situation des Erscheinens Jesu als Messias und Christus. Im 20. Jahrhundert hat ihn der protestantische Theologe und Sozialist geschichtsphilosophisch ausgearbeitet, dort dürfte ihn auch Bruhn aufgegriffen haben.

[16] Ebd.

[17] Karl Marx: Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses. Frankfurt a.M. 1968, 46. [Online unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1863/resultate/index.htm]

[18] Ebd.

[19] Vgl. ebd., 50.

[20] Vgl. Bruhn: Avantgarde und Ideologie, a.a.O.

[21] Vgl. Wolfgang Pohrt: Vernunft und Geschichte bei Marx. In: ders., a.a.O., 269-278, dort 274.

[22] Marx, a.a.O., 63.

[23] Vgl. Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, Buch 1: Der Produktionsprozess. In: Karl Marx/Friedrich Engels-Werke, Band 23. Berlin 1968, 675.

[24] Vgl. Peter Brückner: Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären. Berlin 1978, 69ff.

[25] Paul Mattick: Kritik an Herbert Marcuse. Der eindimensionale Mensch in der Klassengesellschaft. Aus dem Amerikanischen von Hermann Huss. Frankfurt a.M. 1969.

[26] Hervorragend dargestellt bei Robert Brenner: Economics of Global Turbulence. The Advanced Capitalist Economies from Long Boom to Long Downturn. London 2006.

[27] Vgl. Aaron Benanav: Precarity Rising. Online unter: https://www.viewpointmag.com/2015/06/15/precarity-rising/

[28] Vgl. Mike Davis: Planet der Slums. Aus dem Englischen von Ingrid Scherf. Hamburg 2007.

[29] Vgl. Endnotes: A History of Separation. The rise and fall of the workers’ movement, 1883-1982. In: Endnotes Nr.4: Unity in Separation (October 2015), 70-192. [Online unter: https://libcom.org/library/history-separation-endnotes-4].

[30] Vgl. Gáspár Miklós Tamás: Telling the truth about class. In: Socialist Register Nr. 42 (2006), 228-268. [Online unter: http://www.grundrisse.net/grundrisse22/tellingTheTruthAboutClass.htm].

[31] Vgl. die ausführliche Darstellung bei Michael Mauke: Die Klassentheorie von Marx und Engels. Frankfurt am Main 1970, insb. 111ff. [online unter: http://www.kommunismus.narod.ru/books.html] und Hartmut Krauss: Wiederkehr der Proletarität oder Neustrukturierung sozialer Ungleichheit?, online unter: http://www.glasnost.de/autoren/krauss/subj1.html

[32] Vgl. ebd.

[33] Vgl. MEW 23: 603

[34] Vgl. Joshua Clover: Riot. Strike. Riot. The New Era of Uprisings. London 2016.

[35] Dies wird ausführlicher begründet in: Interessengemeinschaft Robotercommunismus: Kommunismus ist was Bestimmtes. In: Conne Island Newsflyer Nr. 221(März 2015), online unter: https://www.conne-island.de/nf/221/3.html Siehe auch Werner Imhof: Skizzen eines emanzipatorischen Kommunismus. In: Kommunistische Streitpunkte Nr.5 (2000), online unter: http://www.trend.infopartisan.net/trd0600/t080600.html

[36] Marx, a.a.O., 526.

EDIT:
Wir haben sehr viele Anmeldungen für den Lesetag erhalten und müssen leider einen Anmeldestopp verkünden. Vielleicht wird es aufgrund des großen Interesses eine Folgeveranstaltung zu dem Thema geben.

vom Lektürekreis Kritik der Geschlechterverhältnisse der translib

am Samstag, den 17.02.2017 | 11.30 bis 18 Uhr | translib

Die Debatte um sexuelle Gewalt mit #metoo war in den letzten Monaten wieder sehr präsent. Doch auch die Jahre zuvor wurde immer wieder darüber in den Medien diskutiert: Sei es die Silvesternacht 2015/16 in Köln, Kachelmann oder Gina-Lisa Lohfink.

Anhand von drei verschiedenen Texten wollen wir die Debatten um rape culture besser verstehen. Wir beginnen mit einem Auszug aus Virginie Despentes „King Kong Theorie“. In einem persönlichen und wütenden Text beschreibt sie ihre eigene Vergewaltigung und analysiert Vergewaltigungsmythen und die Unterdrückung der Frauen durch die Männer als strukturelles Problem.

Anschließend möchten wir zwei Kapitel aus Mithu Sanyals Buch „Vergewaltigung“ lesen. Im Kapitel „Nein heißt Nein“ zeichnet sie feministische Diskurse aus den 1970ern nach, die vor allem durch Susan Brownmillers wegweisendes Buch „Gegen unseren Willen“ ausgelöst wurden. In einem zweiten Kapitel „Second Sexism“ stellt Sanyal die These auf, dass Vergewaltigung kein strukturelles Problem des Patriarchats ist, und dass Vergewaltigungsdiskurse männliches Opfertum ausblenden. Dies gilt es zu diskutieren.

In den letzten 40 Jahren haben sich Debatten um sexuelle Gewalt immer wieder verändert, hieß es lange Zeit „Nein heißt Ja,“ wurde „Nein heißt Nein“ zu einem wichtigen feministischen Kampfbegriff der letzten Jahrzehnte. Nun ändert sich der Diskurs hin zu einem „Ja heißt Ja“, das bekannteste Beispiel ist die aktuelle Gesetzesänderung in Schweden dazu. Der letzte Text von Rona Torenz „Verhandlungsmoral und Zustimmungskonzept“ aus der Phase 2 beleuchtet dieses „Ja heißt Ja“ kritisch.

An dem Lesetag wird es einen kurzen Input zu rape culture, Statistiken und Gesetzen in Deutschland geben. Die Texte sind vor dem Lesetag zu lesen. Wir werden diese kurz zusammenfassen, dann aber ohne weitere Inputs und in offener Runde am Text entlang diskutieren. Vorkenntnisse oder vorherige Teilnahme an unserem Lektürekreis sind keinerlei Voraussetzung für euer Kommen.

Textgrundlage:

Virginie Despentes: King Kong Theorie, S. 34-61.
Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung, S. 35-43, 124-136
Rona Torenz: Verhandlungsmoral und Zustimmungskonzept (erschienen in der Phase 2, 54)

Die Texte erhaltet ihr auf Anfrage per Mail. Schreibt einfach an translib@gmx.de

Neuer Arbeitsschwerpunkt: Die Grundlagen der marxistischen Klassentheorie

Der Arbeitskreis Klassenverhältnisse trifft sich seit mittlerweile 2 Jahren in der translib. Im Verlauf dieser Zeit haben wir in wechselnder Zusammensetzung über Begriff und Wirklichkeit der Klasse und gegenwärtigen Klassenverhältnisse diskutiert. Auf unserem Blog finden sich einige dieser Arbeitsschwerpunkte dokumentiert : https://translibleipzig.wordpress.com/lekturekurse/klassenverhaeltnisse-heute/

Mit dem nächsten Treffen beginnen wir mit einem neuen Schwerpunkt. Wir werden uns noch einmal der begrifflichen Grundlagen der Klassentheorie zuwenden. Dies bietet eine gute Gelegenheit zum Einstieg, wozu wir alle Interessierten hiermit herzlich einladen wollen.

Den Anfang machen wir mit dem wichtigen Buch von Michael Mauke: „Die Klassentheorie von Marx und Engels“ von 1970. Die Bedeutung von Maukes Arbeit besteht in seiner Rekonstruktion der Klassentheorie auf Grundlage der Kritik der Politischen Ökonomie. Die grundlegende These seiner Untersuchung lautet: „Marx‘ Theorie der Gesellschaft, die Kritik der Politischen Ökonomie, enthält als solche bereits eine allgemeine Klassentheorie des Kapitalismus.“ Sie ist damit zugleich Antithese zu einer heute verbreiteten Auffassung, nachder es sich bei Marx‘ Ökonomiekritik und Klassentheorie um zwei Paar Schuhe handele. Der junge Marx habe die Bedeutung des Klassengegensatzes und Klassenkampfes für das Begreifen und Verändern der Gesellschaft überhöht. Der reife Marx hingegen habe verstanden, dass die Klassen lediglich Oberflächenphänomene seien, die durch die gesellschaftlichen (Fetisch-)Formen konstituiert würden. „Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie“ (Kurz/Lohoff: Der Klassenkampf-Fetisch), behaupten Robert Kurz und Ernst Lohoff in exemplarischer Weise für die wertkritische Marxinterpretation, die weit über das Krisis/Exit-Milieu verbreitet ist. Damit stellt sie den von Marx herausgearbeiteten Zusammenhang auf den Kopf, denn die „Ökonomie handelt nicht von Dingen, sondern von Verhältnissen zwischen Personen und in letzter Instanz zwischen Klassen; diese Verhältnisse sind aber stets an Dinge gebunden und erscheinen als Dinge.” (Engels, zit. nach Mauke) Dies stellt auch einen leitenden Gedanke von Maukes Arbeit dar, die wir uns bei den nächsten Treffen erschließen wollen.

Am Donnerstag lesen wir das erste Kapitel „Zum Begriff der Klassengesellschaft“, Seiten 7-41. Den Text findet ihr hier: Mauke-Teil1

Johannes Agnoli und die ApO – 1968 und die Folgen

Vortrag und Diskussion mit Ali Ma.

Freitag 8.12.17 | 19.30 Uhr | @ translib

1968 ist für die Linke und deren Praxis ein wichtiger Ausgangspunkt. Es entstanden Protest- und Organisationsformen, die bis heute prägend sind. Diese wurden in den 70er Jahren weiterentwickelt und beeinflussten die Entstehung der Neuen Sozialen Bewegungen. Um diese besser zu verstehen und einzuordnen, sollten die Ereignisse von 68 genauer betrachtet werden.

Agnoli war selbst ein Protagonist dieser Zeit. Als Mitbegründer des Republikanischen Clubs 1967 wirkte er auf die damaligen Proteste ein und verfasste bereits währenddessen wichtige Reflexionen.

Als Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin von 1972 bis 1990 beeinflusste er maßgebend die studentische Linke. Seine politisch-ökonomischen Analysen auf Grundlage der marxistischen Theorie zielten auf eine emanzipatorische Praxis.

In dem Sammelband 1968 und die Folgen wirft Agnoli einen kritischen Blick auf die Revolte. Er beschreibt die Außerparlamentarische Opposition und hinterfragt ihre Wirkung. Dabei greift er die wichtigsten Diskussionen über Theorie und Praxis der Bewegung auf. Provokation und Öffentlichkeit, Basisdemokratie und Willensbildung sind die großen Schlagwörter dieser Zeit. Weitere Themen die im Vortrag anhand seiner Texte vorgestellt werden, sind seine Analyse des Faschismus und der Begriff der Klassenautonomie. Damit setzt er sich erstens mit der Diskussion der damals beginnenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus auseinander und bespricht zweitens die Frage nach emanzipatorischen Veränderungen in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Der Vortrag soll einen ersten Einstieg in Agnolis Theorien bieten und zu einer kritischen Diskussion über die 68er Ereignisse beitragen.

agnoli flyer bild

 

 

vom Lektürekreis Kritik der Geschlechterverhältnisse der translib

Samstag, den 09.12.2017 | 11.30 bis 18 Uhr | translib

In der zweiten Frauenbewegung gab es innerhalb des marxistischen Feminismus eine äußerst lebendige Debatte über das Verhältnis von Klassen- und Geschlechterverhältnis. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Frage, wie die Frauenunterdrückung mit der kapitalistischen Produktionsweise zusammenhing und durch sie geprägt wurde. War die Frauenunterdrückung eine notwendige Folge des kapitalistischen Klassenverhältnisses und der damit entstandenen Trennung von Lohnarbeit und häuslicher Reproduktionsarbeit? Oder musste erstere in ihrer eigenständigen Dynamik begriffen und bekämpft werden, wie es die autonome Frauenbewegung nahelegte?Während etwa die Hausarbeitsdebatte Anfang der 70er Jahre ihre Analyse darauf konzentrierte, welche Rolle der von Frauen geleisteten Hausarbeit in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen zukam, betonte die daran anschließende Dual System Theory die eigenständige Dynamik der Beziehung zwischen Männern und Frauen, die querlag zum Klassen- und Kapitalverhältnis.

Die Social Reproduction Theory, der wir uns an unserem nächsten Lektüretag zuwenden möchten, entstand in den 80er Jahren als Antwort auf diese Kontroverse und versucht nochmals, das Klassen- und Geschlechterverhältnis in seiner Verflochtenheit zu analysieren und dabei weder den Fehler eines marxistischen Reduktionismus zu wiederholen noch die Verankerung der geschlechtlichen Beziehungen in der kapitalistischen Produktionsweise außer Acht zu lassen. So lautet die zentrale Frage der Social Reproduction Theory: „How does the sex-blind contradiction between labour and capital connect with relations of production in which gender difference plays a very significant role?“ (Johanna Brenner, Maria Ramas ) Der Social Reproduction Ansatz begreift die kapitalistische Gesellschaft als komplexe gesellschaftliche Totalität, innerhalb derer die sozialen Beziehungen grundlegend von der Lohnabhängigkeit einerseits und einer vergeschlechtlichen Subjektivität andererseits geprägt sind, so dass beide Verhältnisse nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können.

Der erste Text, dem wir uns zuwenden wollen, ist Johanna Brenner‘s und Maria Ramas‘ „Rethinking Women‘s Oppression“ aus dem Jahr 1984. In einer historischen Analyse untersuchen die Autorinnen die Ursachen für die Verankerung der geschlechtlichen Arbeitsteilung innerhalb des Proletariats in Großbritannien des 19. Jahrhunderts und dessen Kontinuität im 20. Jahrhundert. Ausgehend von einer marxistischen Perspektive liegt ihr Augenmerk darauf, nachzuvollziehen, welche Rolle die Bedürfnisse und Ideologien der Lohnabhängigen sowie die Zwänge der kapitalistischen Produktion in dieser Zeit bei der Durchsetzung der proletarischen Kleinfamilie und der Abdrängung der Frauen in die Hausfrauenrolle spielten.

Ergänzend möchten wir einen aktuellen Text von Cinzia Arruzza aus dem Viewpoint-Magazine diskutieren, der die Theorie der Social Reproduction nochmal in Abgrenzung zu anderen Ansätzen diskutiert und die wesentlichen Ideen zusammenfasst. Ihr zentrales Argument ist, dass die Dynamik des Geschlechterverhältnis nicht losgelöst von einer Analyse der Klassenverhältnisse begriffen werden kann, weil die Familie als der zentrale Ort geschlechtlicher Beziehungen kein eigenes Produktionsverhältnis mehr bildet, sondern Teil der gesellschaftlichen Gesamtreproduktion ist.

An dem Lesetag werden wir jeweils beide Texte kurz zusammenfassen, dann aber ohne weitere Inputs und in offener Runde am Text entlang diskutieren. Vorkenntnisse oder vorherige Teilnahme an unserem Lektürekreis sind keinerlei Voraussetzung für euer Kommen.

Die Textgrundlage findet ihr hier:

Johanna Brenner/Maria Ramas: Rethinking Women‘s Oppression

Cinzia Arruzza: Remarks on Gender

Zusammenfassung des Textes von Cinzia Arruzza auf Deutsch

Hegel_Familie

Ein Abend für die ganze Familie – Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zur „Familie“ in Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts

Freitag, 17.11.2017, 17-20 Uhr

Die Rechtsphilosophie ist Hegels Versuch, der bürgerlichen Gesellschaft, die sich selber beständig negiert, ihr positives philosophisches System zu geben. In dem Kapitel „Moralität“ bestimmt er die subjektive Moral als eine unzulängliche, da diese das Gute der Willkür überlasse. Die Konsequenz seiner Kritik der subjektiven Moral ist ihre Aufhebung in der Sittlichkeit. Dort finde die subjektive Moral ihre inhaltlichen Bestimmungen zum Guten in den objektiven Institutionen. Die logisch erste dieser Institutionen ist in der Hegelschen Konstruktion die Familie, der „natürliche sittliche Geist“, deren Band vom zweiten Moment der Sittlichkeit, der bürgerlichen Gesellschaft, die das Prinzip der Besonderheit repräsentiert, zerrissen wird. Erst der Staat hebe beide in sich auf und stelle die Einheit der Gegensätze her. Die Familie selber zergliedert Hegel in die Momente Ehe, Vermögen der Familie und Erziehung der Kinder und Auflösung der Familie.

In unserer Arbeitsgruppe zur Hegelschen Rechtsphilosophie haben wir in den letzten Monaten das Kapitel zur „Familie“ gelesen und diskutiert. Unsere Resultate wollen wir nun gerne zur Diskussion stellen und laden alle Interessierten herzlich dazu ein. Wir wollen mit dieser Veranstaltung auch die Gelegenheit bieten, sich unserer Arbeitsgruppe anzuschließen, die sich alle zwei Wochen trifft und als nächstes das Kapitel „Die bürgerliche Gesellschaft“ behandeln wird. Anders als bei den vorangegangenen Veranstaltungen werden wir dieses Mal kein Seminar veranstalten, sondern Überlegungen zur Familie Hegels in mehreren kurzen Referaten vorstellen und dann die Diskussion eröffnen. Es gibt keine Begrenzung der Teilnehmerzahl.

Themen der Referate:

– Kritik des Geschlechterverhältnisses in Hegels Familie

– Versuch einer Kritik der bürgerlichen Familie; Unterscheidung vom Clan, Bestimmung ihres Verhältnisses zur bürgerlichen Gesellschaft

– Über die Schwierigkeit, das Erbe zu begründen